Weitwandern in den USA: Auf dem Pacific Crest Trail

Abenteuer PCT: Trekking in Amerikas Westen


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Bilder vom Pacific Crest Trail PCT
Foto: Lena Jauernig / Beatrice Weigert

 

Bilder vom Pacific Crest Trail PCT
Foto: Lena Jauernig / Beatrice Weigert

 

Bilder vom Pacific Crest Trail PCT
Foto: Lena Jauernig / Beatrice Weigert

 

Bilder vom Pacific Crest Trail PCT
Foto: Lena Jauernig / Beatrice Weigert

 

Bilder vom Pacific Crest Trail PCT
Foto: Lena Jauernig / Beatrice Weigert
Nur wenige schaffen den Pacific Crest Trail (PCT). Lena Jauernig und Beatrice Weigert gehören jetzt dazu. Bilder und Erlebnisse vom langen Weg durch den Westen der USA gibt es hier.

Das blasse Licht meiner Stirnlampe tänzelt durch die Finsternis. Eng klammert sich der Pfad an den Berg, quält sich in wirrem Zickzack talwärts. Links dichtes Gestrüpp, rechts: schwarzes, bodenloses Nichts. »Halt durch«, flehe ich meine Stirnlampe an. Drei Meilen bis ins Tal. Ich spüre Beas hastigen Atem im Nacken und laufe schneller. Etwas knackt im Gebüsch. Erschrocken reiße ich den Kopf herum. Zwei schmale Augen starren mich an. Puma, denke ich panisch. Puma, Puma, Puma, dröhnt mein Herz, mindestens 100 Dezibel laut. »Sie stalken dich«, raunte eine Freundin zu Hause in Stuttgart mir einmal zu, »sie folgen dir heimlich, tagelang, und du hast keine Ahnung. Aber sobald du einen Puma siehst – bist du tot.« Beinahe hätte ich da die ganze Sache abgeblasen. 2650 Meilen, 4265 Kilometer, durch den wilden Westen der USA. Start: Mexiko. Ziel: Kanada. Der Pacific Crest Trail, der PCT, einer der längsten Wanderwege der Welt. Ein Epos in drei Akten. Den Auftakt macht Kalifornien: die Wüste, sengend heiß, die 4000er-Pässe der Sierra Nevada, schneebedeckt.

Zweiter Akt: Oregon

7700 Jahre nach dem Inferno - wo einst ein 3700 Meter hoher Vulkan stand, gähnt nun ein blaues Loch, der Crater Lake. Vorbei an Amerikas altehrwürdiger Vulkan-Riege, Mount Washington, Jefferson, Hood, in den letzten Akt: Washington, The Pacific Northwest, eine Orgie in Grün. Das Finale: die raue Gebirgswelt der Northern Cascades. Und alles zu Fuß. Das Abenteuer unseres Lebens. Doch während Bea und ich voller Vorfreude waren, unkten alle unsere Freunde: »Sechs Monate in der Wildnis, das überlebt ihr nicht.« Bären standen ganz oben auf der Liste möglicher Todesursachen, gefolgt von schießwütigen Amerikanern, Klapperschlangen und Skorpionen. Ich hörte mir alles an und lachte - nur bei der Pumageschichte nicht. Aber da hatte ich schon meinen Job gekündigt und das Flugticket in der Tasche. »Dein Puma war ein Coyote«, spöttelt ein befreundeter PCT-Wanderer, den wir eine Stunde später im Tal treffen. »Ich hab ihn herumstreunen sehen. Der Arme hatte sicher viel mehr Angst vor dir als du vor ihm.« Ich schäme mich.

 

Bilder vom Pacific Crest Trail PCT
Foto: Lena Jauernig / Beatrice Weigert Im Joshua-Tree-Nationalpark.

Kein Baum, kein Grün, kein Wasser

Am nächsten Morgen führt der Trail uns durch eine ausgedehnte Steppe. Sanft rollen rostbraune Hügel in den weiten kalifornischen Himmel. Auf meinem MP3-Player läuft eine alte Joplin-Hymne. »Freedom‘s just another word for nothing left to loose«, summe ich und muss an den Tag denken, an dem ich meine komplette Zweizimmerwohnung in Pappkartons verpackte. Und an den Tag, an dem ich meine übrig gebliebenen Besitztümer in einen Rucksack stopfte: Zelt, Schlafsack, Airpad, Kocher, Wasserfilter, Kleider und so weiter. »So wenig«, dachte ich, als ich endlich an der mexikanischen Grenze am PCT Monument stand. Nur drei Tage später schickte ich die Hälfte nach Hause, geläutert durch Schmerzen und Erschöpfung. Jetzt, nach 100 Meilen, habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, täglich bis zu zehn Stunden mit zehn Kilo auf dem Rücken zu laufen. In Gedanken durchwühle ich meinen Rucksack, überlege, was raus könnte. 2560 Meilen bis Kanada. »Weißt du, was am meisten wiegt?« fragt Meike. Ich schwitze, ich habe Hunger, und ich weiß, dass das eine Fangfrage ist. Meike ist Psychologin. Wir stapfen im Gänsemarsch durch die glühend heiße Mondlandschaft des Vasquez Rocks Park, eine Autostunde nördlich von L.A. Riesige Felsblöcke ragen schräg aus dem Sand. Wie abgestürzte Ufos.

Schrecklich schön hier auf dem PCT

»Das Schwerste in deinem Rucksack ist die Angst«, keucht Meike, »du willst auf jede Eventualität vorbereitet sein – dabei ist das unmöglich, wenn du so lange unterwegs bist.« 2208 Meilen bis Kanada. Angst wiegt schwer. Genau wie Wasser. Ich sitze an einer kleinen Quelle und grüble. In den Ausläufern der Mojave- Wüste herrscht Dürre. Neunzehn wasserlose Meilen liegen vor uns. »Drei Liter reichen«, behaupte ich wagemutig. Bea nickt. Und dann wird es richtig heiß. Die Luft brennt. Weit und breit nur Verdorrtes, kein grünes Blatt, kein Baum, der Schatten spendet. Das ist die Anti-Sintflut. Um zwei Uhr mittags habe ich nur noch einen Liter Wasser übrig, und meine Zunge fühlt sich an wie Schmirgelpapier. Wir beißen uns durch. Abends erreichen wir die Bird Spring. Ein dünnes Rinnsal, doch jeder einzelne Tropfen schmeckt köstlich. 2000 Meilen bis Kanada. So geizig die Natur mit dem Wasser in Südkalifornien war, so verschwenderisch schenkt sie es in der High Sierra her. Tief unter uns ruhen eisblaue Gletscherseen, umrahmt von Schnee. Wir sind ganz oben, am höchsten Punkt des PCT, auf einer kleinen Insel Fels mitten im großen Himmel, keine Wände, keine Decke, kein Anfang, kein Ende, bis zum Horizont nur Berge. Forester Pass, 4009 Meter. Weiter weg von allem kann man nicht sein. Mir ist ein bisschen schwindelig. Euphorie? Höhenluft? Oder nur Hunger? In den letzten Tagen sind wir schleichend langsam vorangekommen. Uns geht das Essen aus. Sieben weitere schneebedeckte Pässe über 3300 Meter liegen vor uns. Erst einmal machen wir aber einen Abstecher ganz weit runter. Nach Bishop in den Supermarkt. 1880 Meilen bis Kanada.

 

Bilder vom Pacific Crest Trail PCT
Foto: Lena Jauernig / Beatrice Weigert Irgendwo in Oregon!

Die Sierra Nevada war hart, aber wunderschön

Wandern in Nordkalifornien dagegen ist eintönige Sisyphusarbeit, langweiliges Auf und Ab. Als der Schwarzbär kurz hinter Belden Town mit lautem Getöse aus dem Unterholz bricht, haben wir fast die Hälfte des Trails geschafft. Der Bär erstarrt. Ich auch. Einen Moment lang mustern wir uns verblüfft, dann macht er einen Satz und verschwindet im Dickicht. Ich fasse mein Glück kaum: mein erster Bär! 1370 Meilen bis Kanada.

In Oregon ziehen wir Siebenmeilenstiefel an. Einatmen, ausatmen, rechter Fuß, linker Fuß. Wie in Trance laufen wir weiter und weiter, 450 Meilen in drei Wochen, und stellen am Ende fest: Wir haben Oregon Unrecht getan. Man sollte drei Monate hier verbringen. Oder ein Leben: Eremit werden, zelten am Diamond Lake, morgens zuschauen, wie der Nebelvorhang sich lichtet und den schneegekrönten Mount Thielsen enthüllt, mittags dem Säuseln der Tannen lauschen und abends den Himmel erröten sehen – meine Tage in Oregon wären voll. Doch diese Chance ist vertan: vor uns strömt der gewaltige Columbia River. Am anderen Ufer liegt Washington. Es ist Anfang September, und die ersten Ahornblätter leuchten alarmrot. Wir müssen weiter, der Winter kommt früh hier. 500 Meilen bis Kanada.

Zu Füßen von Mount Adams sitzt ein Grüppchen von PCT-Wanderern. Ein zerlumpter, sonnengegerbter Haufen sind wir. »Hikertrash« sagen die Amerikaner: Wir leben im Wald, schlafen, wo es uns gefällt, duschen nur ab und zu, besitzen bloß eine Hose und keinen Kamm. Unsere Freunde heißen »Happy Nomad« oder »Big Dirty« und tragen Bärte biblischen Ausmaßes. Wir essen Erdnussbutter aus dem Glas, aber nehmen trotzdem ab. Wir laufen 25 Meilen am Tag, haben Waden aus Stahl und Oberschenkel aus Granit. Aber schaffen unsere geschundenen Knie und Füße es bis zur Grenze? Tragödie oder Heldenspiel? Jedenfalls Stoff für Hollywood: Während wir noch im Wald sitzen, ist »Wild« schon im Kasten, die Verfilmung des PCT-Romans von Cheryl Strayed. 400 Meilen bis Kanada.

 

Bilder vom Pacific Crest Trail PCT
Foto: Lena Jauernig / Beatrice Weigert Oregons höchster Punkt des PCT.

Nicht mehr weit bis Kanada

Das klare Licht meiner Stirnlampe tänzelt durch die Dunkelheit. Der Wald schläft friedlich, nur das Trap-Trap meiner Füße stört die Ruhe. Ich laufe durch die Alpine Lakes Wilderness, 50 Meilen südöstlich von Seattle. Alleine. Bea hat einen Infekt und muss einige Tage pausieren. Etwas abseits des Trails zwei Lichter. »Hey«, rufe ich, »gibt’s da drüben noch Platz für mein Zelt?« Eines der Lichter bewegt sich auf mich zu. Ein älterer Herr. »Brauchst du Hilfe?« – »Nein«, sage ich verwundert. Er schaut mich besorgt an. »Hast du keine Angst, nachts alleine in der Wildnis?« Ich verstehe nicht. Angst – wovor? 200 Meilen bis Kanada.

1932 hatte Clinton Clarke die Vision eines Trails, der die ursprünglichsten Gebiete des amerikanischen Westens verbinden sollte. 61 Jahre lang haben staatliche Agenturen und unzählige Freiwillige kartografiert und Wege angelegt. 1993 wurde der Pacific Crest Trail fertiggestellt. 3418 Wanderer sind bis heute die ganze Strecke von Grenze zu Grenze gelaufen. Mit den ersten Schneeflocken, am zweiten Oktober, erreichen auch wir die kanadische Grenze. Am PCT-Monument fallen wir uns in die Arme, voller Freude und Stolz. Aber als wir aus dem Schutz des Waldes treten und das Dröhnen des Highways lauter wird, überkommt mich ein seltsam trauriges Gefühl. Ein Satz, den ich in einem Logbuch gelesen habe, lässt mich nicht los: »When we arrived at the border, our hearts burst with happiness, but they also broke.«

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28.07.2015
Autor: Lena Jauernig
© outdoor
Ausgabe 04/2015