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Killarney Provincial Park: Paradies für Wanderer und Paddler

Wildnistouren in Ontario

Im "Killarney Provincial Park" hat die Natur ein Meisterstück abgeliefert. Wanderer und Paddler finden hier alles, was Kanadas Wildnis zu bieten hat.


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Wildnis

"Malen müsste man können", sage ich. "Muss man nicht", sagt Ben, aber der ist auch Fotograf. Munter lässt er den Spiegel seiner Kamera angesichts der "La Cloche Mountain Range" klackern. Wir stehen über dem berühmten "Crack", einer markanten, etwa zwanzig Meter tiefen und zehn Meter breiten Spalte in einem Felsriegel aus weißem Quarzit. Vor uns liegt eine von weißen Felsriffen durchsetzte Seenlandschaft.

Bis zum Horizont blitzt es tiefblau aus dem Grün des Waldes. Zerzauste Bäume auf kleinen Inseln verleihen der Szenerie eine eigenartige Wildheit, hinter unserem Rücken leuchtet ein Küstenstreifen am Horizont auf: Das Nordufer der Georgsbucht, die sich im Nordosten an den Huronsee anschließt und ganz Schleswig-Holstein mit Süßwasser bedecken würde.

Etwa vier Stunden brauchen Reisende mit dem Auto für die rund 400 Kilometer von Toronto bis hierher, zum Killarney Provincial Park. Vorausgesetzt, sie halten sie sich an das kanadische Speedlimit von 110 Stundenkilometern, was vor allem Deutschen auf den wenig befahrenen, gut ausgebauten Highways schwer fallen kann. Zumal sie nach dem zehnstündigem Flug endlich ankommen wollen.

Doch mit einem Tag Anreise ist ein Stück Natur, das in Europa seinesgleichen sucht, nicht zu teuer bezahlt, und verglichen mit bekannteren kanadischen Nationalparks wie Banff oder Jasper liegt der Killarney Provincial Park in Ontario geradezu günstig.

Und trotz seiner für kanadische Verhältnisse überschaubaren Größe von etwa 500 Quadratkilometern kommen Wanderer im Park in den Genuss ausgedehnter Wildnistouren. Die saphirblauen Seen und schneeweißen Felsbänke zählen zu den landschaftlichen Kronjuwelen Ontarios. Elche und Schwarzbären, Wölfe und Biber, Marder und Luchse leben im Park.

Neben unzähligen Routen mit dem Kanu ist für Wanderer vor allem der Silhouette Trail Loop interessant, ein ausgewachsener 100-Kilo­­meter-Trek. Je nach Kondition, Wetter und Wegverhältnissen kann er in sieben bis zehn Tagen gegangen werden. Gut markiert und mit ausgeschriebenen Camps versehen, verläuft er in einer Schleife durch die zerklüfteten La-Cloche-Berge.

Highlights sind der höchste Punkt des Parks, der Silver Peak (539 Meter), der verwinkelte Threenarrows See und natürlich der prominenteste Blick des Parks von "The Crack". Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich beim "Riss" nicht um einen Graben, sondern um eine Erhebung mit herrlicher Rundumsicht. Wanderer, die so wie wir weniger Zeit mitbringen, erreichen sie in einer guten Stunde von einem Parkplatz an der Straße 637 aus, der einzigen geteerten Straße im Umkreis von 50 Kilometern.

Vorbei an zugewucherten Seen, durch würzig duftenden Nadelwald und über felsige Hänge geht es aufwärts, bis man schließlich auf Händen und Füßen über die Felsblöcke am Boden der blendend weißen Quarzit-Bresche des Cracks klettert und mit einem Mal vor diesem in Blau, Weiß und Grün gehaltenen Landschaftsgemälde steht.

"Schon schön", sagt Ben, womit bei ihm das Maximum an verbaler Zustimmung erreicht ist. Was allerdings stärker für Bens Begeisterung spricht, ist die Tatsache, dass er seine Speicherkarten mit einer Menge an Bilddaten füllt, für die man noch vor 20 Jahren ganze Kellerräume hätte anmieten müssen. Trotzdem muss er sich bescheiden, denn das nächste Gemälde wartet nur wenige hundert Meter entfernt, etwas abseits des Wegs, ein Motiv von geradezu jenseitiger Schönheit. Selten sieht der Tod so gut aus wie am Kidney Lake.

Schwarz schimmert der See vor dem dunklen Grün der Bäume. Zart streift eine Brise die Oberfläche, und Abertausende Lichtreflexe tanzen auf dem gekräuselten Spiegel. Minutenlang zieht uns das Schauspiel in seinen Bann, bis ein hässliches Wort von Ben das Geheimnis des Ortes lüftet: »acid rain« – saurer Regen. Der schlechte Zustand des nierenförmigen Sees ist ein Relikt aus den Siebzigern, als die damals noch ungefilterten Emissionen der 50 Kilometer nördlich gelegenen Kupferstadt Sudburry die kleineren Seen des Killarney Provincial Parks zum Umkippen brachten.

Und Wasser, in dem nichts mehr lebt, wird auch nicht durch pflanzliche Schwebeteilchen eingetrübt. Ungehindert reicht der Blick bis auf den schwarzen, modrigen Grund. Andere Gewässer haben sich inzwischen erholt, sind von den Toten auferstanden, doch Ausnahmen wie der Kidney Lake erinnern weiter an menschliche Umweltvergehen.

Am nächsten Tag steht der Silver Peak auf dem Programm. In einer kombinierten Boots- und Wandertour wollen wir in einem Tag auf den höchsten Berg im Park wandern. Mit von der Partie: Lindsay, Mitte zwanzig, Wanderführerin aus Killarney.

Sie hat die Tour in dieser Saison schon zwölfmal mit diversen US-amerikanischen Reisegruppen unternommen und zeigt sich völlig unbeeindruckt, als Ben sie, wie alle seine Outdoor-Models, hartnäckig Heidi nennt. Der Fotograf macht es sich in der Mitte des Kanus auf seiner Schwimmweste bequem und schaut weltvergessen in den Nebel. Wortlos reicht Lindsay ihm das dritte Paddel. Ihr Blick könnte kaum eindeutiger sein: "Nenn mich wie du willst, aber paddeln wirst du auf jeden Fall selbst."

Mit vereinten Kräften sind wir dann auch in gut zwei Stunden an einer gelben Markierung im Wald angelangt, die den Übergang zum Clearsilver Lake anzeigt. Eigentlich müssten wir jetzt unser Boot schultern und es 700 Meter durch den Wald tragen. Doch Lindsay weiß, wo vier Aluminium-Kanadier am anderen Ende der Portage im Wald liegen.

Und so finden wir uns 20 Minuten später in einem glitzernden Silberboot auf dem Clearsilver Lake wieder. Urplötzlich sind wir in einer anderen Welt. Dominierten am Johnnie Lake rote Felsen die Ufer, trifft man hier auf ein Spalier abgestorbener Bäume. In einer Bucht hat ein Biber Holz zu einem riesigen Damm gehäuft. »Die Elche mögen die Bucht«, sagt Lindsay. Eine Viertelstunde legen wir uns auf die Lauer, dann verlässt uns die Geduld: Schließlich ist es noch ein langer Weg auf den Silver Peak.

Nach anderthalb Kilometern steuern wir die gelbe Markierung am anderen Ende des Sees an. Durch leuchtenden Birkenwald folgen wir eine Weile dem ausgetretenen Weg des "Silhouette Trail". Der Weg ist benannt nach dem Bild "La Cloche Silhouette" des Malers A. Y. Jackson.

Ihm verdankt der Killarney Provincial Park nicht nur seine längste Wanderung, sondern seine gesamte Existenz. Als die Gegend um den "Trout Lake" zu Beginn des letzten Jahrhunderts vom Kahlschlag bedroht war und einige Landschaftsmaler um ihre Motive bangten, setzte sich Jackson bei Politikern für den Erhalt der einzigartigen Natur ein.

1964 wurde der Park dann eingeweiht und der "Trout Lake" in "O.S.A. Lake" umbenannt, nach der "Ontario Society of Artists", die Jackson bei seinem Kampf um die Natur unterstützte.

Ein weiteres Motiv, ob für Landschaftsmaler oder Fotografen, erreichen wir eine gute halbe Stunde und 300 Höhenmeter später: Silver Peak. Wie der Buckel eines Wals ragt der schneeweiße, von der letzten Eiszeit glatt polierte Felsgipfel aus der Landschaft heraus. Im Südwesten liegt der Park, im Norden erstreckt sich das, was Geologen gemeinhin als Kanadischen Schild bezeichnen.

Eine riesige 3000 Kilometer weite Fläche, durchsetzt mit Abertausenden kleinen Seen – Überbleibsel aus der letzten Eiszeit. "Sieht aus wie ein Bolzplatz nach der Schneeschmelze", meint Ben etwas abschätzig. A. Y. Jackson hat es bestimmt huldvoller ausgedrückt, als er hier oben stand. Aber der konnte ja auch malen.

Noch mehr Tourentipps in den USA und Kanada

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Autor: Alex Krapp

© Outdoor : Ausgabe 05/2005

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