Kanadas Wildnis vor der Großstadt: Vancouver

Tor zur Wildnis - Vancouver


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Outdoor-Paradies Vancouver
Foto: Ben Wiesenfarth

 

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Foto: Ben Wiesenfarth

 

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Foto: Ben Wiesenfarth

 

Outdoor-Paradies Vancouver
Foto: Ben Wiesenfarth

 

Outdoor-Paradies Vancouver
Foto: Ben Wiesenfarth
Die große Vielfalt: Vancouver in Kanada gilt zu Recht als Mekka für Paddler, Wanderer, Bergsteiger und Mountainbiker. Redakteur Alex Krapp nimmt Sie mit auf einen Trip durch die grandiose Outdoor-Landschaft British Columbias.

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British Columbia ... "Wieso sind eigentlich immer die Westküsten so zerklüftet?" fragt Ben, als er aus dem Fenster des Flugzeuges blickt. Tief unter ihm erstreckt sich ein Gewirr aus riesigen Fjorden und Seen, in die sich große Flüsse ergießen, über dem Grau der Bergflanken blitzen schneebedeckte Spitzen, in den mittleren Lagen grünen riesige Wälder. Dass dort unten mehr Möglichkeiten zum Wandern, Paddeln, Biken und Bergsteigen schlummern, als ein Mensch in seinem Leben wahrnehmen kann, wird auf den ersten Blick klar. Wäre da nur nicht diese Unzugänglichkeit. Straßen sind in diesem Teil der Welt eher die Ausnahme als die Regel und die wenigsten können sich ein Wasserflugzeug leisten.

Zum Glück gibt es die Stadt Vancouver - seit eh und je das Eingangstor in die Wildnis Westkanadas. Durch die schmale Straße von Georgia vom vorgelagerten Vancouver Island getrennt, entstand sie zu Zeiten des Goldrauschs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus einer kleinen Siedlung, die rasch zur Handelsmetropole aufblühte. Wer am Flughafen einen Mietwagen besteigt und auf dem Highway 99, der hier vollmundig "Sea to Sky Highway" heißt, auf die Stadt blickt, sieht alle Arten von Transportmitteln vor den lichten Glasfassaden der Hochhäuser verkehren. Wasserflugzeuge und Hubschrauber, Fähren und Tanker, Kajaks und Segelschiffe. Überall schwirrt und brummt es. Noch aus einiger Entfernung hört sich Vancouver an wie das sonore Summen einer riesigen Hummel.

 

Outdoor-Paradies Vancouver
Foto: Ben Wiesenfarth Paddel-Paradies: Von Downtown Vancouver direkt in den Indian Arm paddeln.

Vancouver: Millionenmetropole und Wildnis

Das Erstaunliche: Der Wechsel zwischen Millionenmetropole und Wildnis vollzieht sich fast übergangslos, denn gleich hinter dem Zentrum, durch den schmalen Wasserstreifen des Burrard Inlet getrennt, erheben sich die North Shore Mountains, die im Osten durch den fjordartigen Indian Arm und im Westen durch den Hawe Sound begrenzt werden. Zwischen ihnen liegen drei Provinzparks, die man mit dem Auto oder Bus innerhalb einer halben Stunde erreicht. Nur wenig länger braucht man auf dem "Sea to Sky Highway" in das Mountain Resort Squamish, und nach weiteren 60 Kilometern gelangt man schon in das Skiparadies Whistler. Kurz: Eine größere Dichte an Zielen für alle Arten von Outdoor-Enthusiasten wird auf der Erde schwer zu finden sein.

Für Seekajakfahrer zum Beispiel ist die Westküste eine Offenbarung, einen ersten Eindruck davon gewinnen auch Einsteiger im Indian Arm Provincial Park, das östlichste der drei erwähnten Schutzgebiete bei Vancouver. Von Deep Cove aus schneidet der Fjord 20 Kilometer tief in die Berge und bietet genug Potenzial für eine zwei- bis dreitägige Tour. Eine Gezeitentabelle sollte allerdings mit im Boot sein, denn nur wer seine Reiserichtung im Einklang mit Ebbe und Flut wählt, kommt auf dem schmalen Wasserarm vorwärts. Boote leiht man in Deep Cove, übernachtet wird auf den drei Ufercamps des Parks, während von den steilen Hängen des Fjords unzählige Wasserfälle rauschen, wie zum Beispiel die Granite Falls. In ungeraden Jahren lässt sich im Indian Arm ein besonderes Naturschauspiel bewundern; zwischen Juli und Oktober wandern dann 60.000 Lachse in die Mündung des Indian River hinein und locken Fressfeinde wie Schwarzbären, Seehunde und Adler an. Ein Fest, auch für Tierbeobachter.

 

Outdoor-Paradies Vancouver
Foto: Ben Wiesenfarth Bergwelt im Mount Seymour Provincial Park.

Seymour Provincial Park vor den Toren Vancouvers

Im Westen schließt sich an den Indian Arm der Seymour Provincial Park an. Der vordere Teil lockt im Winter Skifahrer an, Wanderer werden im Sommer eher im abgelegenen hinteren Teil des Parks glücklich. Ein wilder Pfad führt von den Parkplätzen am Skigebiet zu dem sieben Kilometer entfernten Elsay-See. Der zu Beginn noch gut, im hinteren Verlauf immer spärlicher markierte Pfad vermittelt einen ersten Eindruck, wie es ist, sich abseits von gut ausgebauten Wegen durch das Hinterland zu schlagen. Für die 14 Kilometer und 500 Höhenmeter brauchen schnelle Wanderer 8 Stunden, je nach Wetter und Zustand des Weges können es auch 10 Stunden werden. Nicht umsonst steht am Ufer des kleinen Bergsees eine Notunterkunft.

Doch der Seymour Provincial Park hält auch größere Abenteuer bereit, wie etwa die Tour auf den selten bestiegenen Mt. Bishop. Schon der Zustieg bis zum auf einem Sattel gelegenen Vicar Lake hat es in sich. Von dort führt eine spärlich ausgeschilderte Route über eine steile Flanke auf den nur 1509 Meter hohen Berg, der grandiose Tiefblicke auf den Indian Arm bereithält. Beim Absteigen helfen an Bäumen befestigten Taue. Die kanadische Version der Drahtseilsicherung ist vor allem dann sinnvoll, wenn Regenfälle den Boden in eine Schlammpiste verwandeln.

Es regnet häufig in Vancouver und Umgebung

166 Niederschlagstage zählt man in Vancouver, allerdings vor allem im Winter, was den Skigebieten exzellente Schneebedingungen beschert. Wanderer und alle anderen, die es sonnig mögen, sollten daher zwischen Juli und August kommen. Dann ist das Wetter auch stabil genug für Mehrtagestouren wie den Hawe Sound Crest Trail. Er beginnt im Cypress Hill Provincial Park, dem westlichsten der drei unmittelbar vor Vancouver gelegenen Schutzgebiete. Auch hier parkt man am Parkplatz eines Skigebiets, auch hier ist der erste Wegkilometer entlang der Liftwälder reizlos – doch schon bald gelangt man zur sogenannten Lionsview. "Kann man lassen", sagt Ben angesichts der Weltklasseaussicht. In der Tiefe gräbt sich der Hawe Sound in die Berge, der Blick nach vorne fällt auf die "Lions", zwei markante Kamelhöcker aus dunklem Dioritgestein, die das Wahrzeichen der Northshore Mountains bilden. Von Cypress Mountain führt eine 30 Kilometer lange Wanderung zwischen den Köpfen der Löwen hindurch nach Porteau Cove am Ufer des Hawe Sounds. 15 Gehstunden sollte man schon einplanen, wer nicht hetzen will, plant eine Übernachtung ein, denn innerhalb der Parkgrenzen darf biwakiert werden.

Bear aware, also auf Bären gefasst, sollte man schon sein. Tagsüber reicht es, etwas Krach zu schlagen, dann halten schon kleine Glöckchen am Rucksack die Bären auf Distanz. Nachts müssen Lebensmittel aus dem Rucksack genommen werden. Wo es keine bärensicheren Behälter gibt, müssen die Vorräte abseits des Lagers mit einem Seil zwischen zwei Bäume gehängt werden.

Der Wandertrail vor den Toren Vancouvers endet am "Sea to Sky Highway" etwa 15 Kilometer vor Squamish. Dort bewacht der markante Felsen des "Stawamus Chief" den Eingang in das Tal des Squamish Rivers. Bei gutem Wetter zieht die 600 Meter hohe Steilwand Kletterer an, Wanderer fahren lieber noch 30 Kilometer weiter, zum "Black Tusk". Wie eine Landmarke sticht der "schwarze Stoßzahn" aus dem Gipfelmeer, schon vom "Sea to Sky Highway" aus zieht der ehemalige Stratovulkan alle Blicke auf sich. Die Zweitagestour unter seinen Gipfel zählt zu den schönsten Wanderungen British Columbias. Der Blick schweift nach Norden über die Berge der kanadischen Westküste. "Ganz schön viel Gegend", sagt Ben. Aber für die braucht man dann ein Wasserflugzeug.


Inhaltsverzeichnis

11.03.2014
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 3/14