Abenteuer North Coast Trail auf Vancouver Island

Kanada-Trekking: Wandern auf dem North Coast Trail


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North Coast Trail in Kanada
Foto: Ben Wiesenfarth

 

North Coast Trail in Kanada
Foto: Ben Wiesenfarth

 

North Coast Trail in Kanada
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North Coast Trail in Kanada
Foto: Ben Wiesenfarth

 

North Coast Trail in Kanada
Foto: Ben Wiesenfarth
Auf dem North Coast Trail genießen Wanderer Kanada in Vollendung: wilde Buchten, urige Wälder und Sichtungen von Bären, Wölfen und Walen.

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Leben, wohin der Blick fällt. Fette Seesterne liegen auf den Steinen, nur eine Handbreit unter der Wasseroberfläche. Rote, blaue und braune, solche mit fünf Zacken, solche mit sechzehn. Möwen flattern über dem Wasser, hin und wieder springen Lachse, um nach einer halben Drehung mit einem Rückenplatscher zu landen. Am Ufer wuchert ein Wald wie aus einem Märchenbuch. Bäume wachsen auf- und nebeneinander. Neues gedeiht auf Altem, Totes steht neben Lebendigem. Riesige rote Zedern, graue Sitka-Fichten, dazwischen Farne, Sträucher und Pilze – einer der wenigen verbliebenen gemäßigten Regenwälder des Planeten. Diese Waldwildnis ganz im Norden von Vancouver Island in Kanada stellt der Cape Scott Provincial Park in einem 220 Quadratkilometer großen Küstenstreifen unter Schutz.

Glöckchen gegen Krallen und Zähne

"Es gibt Wölfe, Bären und Pumas" – heißt es auf der Internetseite des Parks, und damit ist nicht gemeint, dass Biologen irgendwann einmal in Kotkrümeln die DNA eines Bären nachgewiesen haben - oder es am Ende des Tals noch einen alten Trapper gibt, der eines Nachts einmal einen Wolf hat heulen hören. Wenn es heißt: "Es gibt Bären", dann gibt es so viele davon, dass man alle paar hundert Meter an einem Haufen vorbeiläuft und Tatzen- und Krallenabdrücke Waldboden und Bäume zieren. "Sehr wahrscheinlich werdet ihr ihnen begegnen", sagt George, der uns gerade mit seinem Wassertaxi aus dem 35 Kilometer südöstlich gelegenen Port Hardy zur Shushartiebay gebracht hat. "Aber keine Bange", fährt er fort, "Wölfe und Bären sind scheu wie Rehe. Wenn sie einen Menschen sehen, nehmen sie Reißaus. Als Wanderer hat man keine Probleme mit ihnen. Nur Hunde sollte man nicht mit hier raus bringen, die vertragen sich nicht mit den Wölfen. Und kommt man einer Bärenmutter mit ihrem Nachwuchs ins Gehege, wird sie sich verteidigen. Das müsst ihr akzeptieren."

Akzeptiert. Um unliebsame Begegnungen mit Geschöpfen zu vermeiden, die längere Schneidezähne haben als der Mensch, hängen sich Wanderer in diesem Teil der Welt Glöckchen an den Hosenbund. Die Tiere hören das Gebimmel und flüchten, so zumindest die Theorie, und so auch Cathy, die mit ihrem Mann Dave eine der treibenden Kräfte hinter dem erst 2008 entstandenen North Coast Trail ist. "Wenn ihr die Glöckchen dabeihabt, läuft nichts schief", sagte sie uns vor der Reise. Doch wir blieben skeptisch. Mit dem Versprechen, es wirklich nur als letztes Mittel, gegen die Windrichtung und mit der Öffnung nach vorne zu verwenden, gab sie uns doch noch zwei Dosen Pfefferspray mit. Ich trage die rote Dose nun griffbereit an der Hose. Auch mein sonst eher unbekümmerter Reisegefährte Ben hat sich Dose wie Bärenglöckchen an den Rucksack geklemmt.

Wildes Kanada auf dem North Coast Trail

Es klingt nach Almabtrieb, als wir am Morgen endlich die erste der sechs Etappen des North Coast Trails unter die Füße nehmen. Unter stetem Gebimmel gehen wir durch den Urwald. Obwohl von gehen gar keine Rede sein kann, von »Trail« streng genommen auch nicht. Der Weg ist eine einzige Schlammsuhle. Variationen von Matsch. Fester Schlamm, der beim Hineintreten schwer an den Schuhen klebt, und in dem Tritte tiefe Löcher hinterlassen. Eher weicher Schlamm, der sich zwischen Gamasche und Schuh drängt und Fußabdrücke gleich wieder verschlingt. Oder ganz flüssiger Schlamm ohne irgendeine erkennbare Struktur – er ist der Schlimmste. Wer versehentlich in eine solche Stelle tritt, sinkt auch schon einmal bis zu den Oberschenkeln in den bodenlosen Sumpf. Beschweren können wir uns nicht, wir wollten es ja so. "Der North Coast Trail ist so, wie der West Coast Trail vor 40 Jahren war", hat uns Dave gesagt.

Im Gegensatz zu dem bekannten und viel begangenen Trail an der Westküste Vancouver Islands beschränken sich auf dem North Coast Trail Treppen und Plankenwege noch auf ein Minimum. An den Camps an den Etappenenden zollen nur ein paar hölzerne Zeltplattformen, ein Klohäuschen und ein bärensicherer Metallschrank, in dem nächtens die Lebensmittel untergebracht werden, der Zivilisation Tribut.

 

North Coast Trail in Kanada
Foto: Ben Wiesenfarth Wenn der Schlamm zu tief wird, helfen Trekkingstöcke beim Ausloten.

Der North Coast Trail hat es in sich!

Nach vier Stunden Schlammtreten, Pfützenumgehen, Von-Grasbüschel-zu-Grasbüschel-Springen, Auf-feuchtem Wurzelwerk-Balancieren, Über-tote-Bäume-Steigen, Auf-glitschigen-Brettern-Gehen und Steilstücke-an-Tauen-Überwinden öffnet sich der Wald. Planken führen über eine sumpfige Lichtung. "Sieht so aus, als hätten wir es bald geschafft", sagt Ben – wie man sich doch täuschen kann. Ein paar Schritte weiter gelangen wir an einen Pfosten, den sie neben den Brettern in den Morast gerammt haben. Die Auskunft darauf ist ebenso knapp wie ernüchternd: "Vier Kilometer" – gerade einmal die Hälfte der Strecke zwischen der Shushartie Bay und dem Etappenende am Skinner Creek. Wir haben nur etwas mehr als einen Kilometer pro Stunde geschafft. Wir stapfen weiter, in den Rucksäcken lastet Ausrüstung und Proviant für sechs Tage. Den trockensten Weg durch die Pfützen suchen wir schon lange nicht mehr. Wir vermeiden nur noch die ganz tiefen Löcher. Irgendwann schmecke ich Salz in der Luft. Durch die Bäume schimmert es blau. Dann endlich der Strand, wo die letzte Sturmflut einen Treibholzverhau an die Böschung gespült hat. Mit müden Beinen klettern wir darüber. Zarte Heiterkeit liegt über dem weiten Strand. Nachmittagslicht bringt den Dunst über dem grauen Sand zum Leuchten. Stimmungen wie diese machen acht Stunden Mühsal mit einem Schlag vergessen.

Doch es kommt immer auf die Perspektive an. "Das sind jetzt noch gute Bedingungen!" sagt Ben und klatscht seine Schlammhose zum Trocknen auf einen Baumstamm. "Stell dir das ganze mal bei Wind und Regen vor ..." Ich tue es besser nicht, denn vielleicht holt die Realität schon morgen meine Fantasie ein. Bange Blicke richten sich am Morgen gen Himmel. Dasselbe wolkenlose Blau wie gestern. Glück braucht der Mensch. Steiler und anspruchsvoller führt der Weg heute durch den Wald, er zermürbt dafür aber nicht mehr so wie das Schlammtreten von gestern. Meine Füße finden einen Tritt nach dem anderen, langsam und konzentriert. An meiner Nasenspitze rinnt der Schweiß zusammen und tropft leise hinab. Ich mag diese gleichmäßige Belastung, bei der das Bewusstsein auf Shuffle-Modus steht und die Gedanken auf Reisen gehen. Wider Erwarten bringen mich die Passagen am Strand entlang aus dem Rhythmus. Entweder rollt grober Kies unter den Füßen und macht jeden Schritt zum Balanceakt, oder ich sinke in feinen Sand, ein Gefühl wie im Tiefschnee. Wirklich angenehm geht es sich nur auf den kurzen Passagen auf nassem Sand und an den Stellen, wo die Flut mit Seetang den Kies gepolstert hat.

 

North Coast Trail in Kanada
Foto: Ben Wiesenfarth Gestrandet: Ein Feuer am Morgen vertreibt die Kühle der Nacht.

Wildnisfreuden: Essen, Feuer, Schlaf

Doch das Gute am Trekken ist: Irgendwann kommt man immer an. Essen. Feuer. Schlaf. Die vier großen Freuden in der Wildnis. Schon am zweiten Tag bemerken wir, wie unsagbar einfach unser Leben plötzlich geworden ist. Aufstehen, Frühstück, packen, losgehen,alle zwei Stunden einen Müsliriegel reinschieben, irgendwann ankommen, Wasser filtern, Zelt aufschlagen, Feuer machen, kochen, lesen, schlafen. Nächster Tag. Der Weg ist vorgezeichnet, die Aufgaben eingespielt, das Wetter weiterhin gespenstisch gut. Es gibt nichts zu entscheiden, nichts zu bewerten, nichts zu meckern. Der dritte Tag beginnt mit einer Sensation. Ben findet noch ein Paket Dörrobst im Rucksack, ich mische es ins Müsli. Frage des Tages: ein oder zwei Beutel ins Teewasser? »Gray whales year round – ganzjährig Grauwale« steht auf der Landkarte an der Shuttleworth Bight. »Kann ja jeder behaupten«, sagt Ben und legt seinen Rucksack in den weichen Sand der wilden, sichelförmigen Bucht, die an einem überirdisch schönen Herbstnachmittag wie diesem auch irgendwo in Thailand liegen könnte. Wir sitzen noch keine fünf Minuten am Strand, da schießt plötzlich etwa 100 Meter vor uns eine stattliche Wasserfontäne (ein paar Meter) in die Höhe. Ein-, zweimal bläst es, dann steigt die Fluke eines Wales aus dem Wasser und versinkt ebenso schnell wieder. "Woooha!" entfährt es mir. "Du tust gerade so, als hättest du noch nie einen Wal gesehen", stellt Ben richtig fest. Bis zum Dunkelwerden wechseln wir uns mit dem Fernglas ab.

Die Shuttleworth Bight scheint eine gute Adresse für Tierbeobachtungen zu sein. Am Ende des Strandes müssen wir am nächsten Morgen über den Strandby River. Auch bei Ebbe kommt man kaum zu Fuß über seine Mündung. Stattdessen führt etwa einen Kilometer stromauf eine kleine Seilbahn über den Fluss, in einer Gondel zieht man sich am Drahtseil auf die andere Seite. Bevor wir vom Strand dorthin abzweigen, entdecken wir auf der anderen Seite des Flusses zwei dunkle, schwarze Flecken. Sie bewegen sich. Im Fernglas erkenne ich sie: eine Bärenmutter mit ihrem Kind. Unbeholfen wie ein Zweijähriger tapst das Kleine hinter dem Muttertier her, die Nase immer dicht am Kies. Aus der Distanz ein drolliger Anblick. Nur: Der North Coast Trail führt auf der anderen Seite des Flusses etwa 20 Meter hinter der Stelle durch den Wald, auf der sich gerade die beiden Bären tummeln. "Einer Mutter mit ihrem Jungen darf man nicht ins Gehege kommen. Das müsst ihr akzeptieren", gehen mir Georges Worte durch den Kopf. Wie weit man Abstand hält und vor allem wie lange man eine Stelle nach einer Bärensichtung meiden sollte, hat er allerdings nicht gesagt. Wir einigen uns darauf, dass eine halbe Stunde reichen wird. Probehalber ziehe ich noch mal den Sicherheitssplint an der Pfefferspraybüchse.

Etwas lauter als üblich gehen wir weiter. Ich pfeife Kinderlieder. Als wir die kritische Stelle erreichen, ist von den beiden Bären weit und breit nichts mehr zu sehen. Ben legt seinen Rucksack ab, schraubt ein anderes Objektiv auf seine Kamera. "Frischer kann eine Bärenspur kaum werden", sagt er und sucht den Boden nach Tatzenabdrücken ab. Schulterzuckend folge ich ihm. Langsam scheinen wir uns in der Wildnis heimisch zu fühlen. Ich hoffe nur, die Bären akzeptieren das.

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04.04.2013
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 12/2012