Auf Hochtouren: Tipps fürs erste Mal

Meine erste Hochtour - ein Premierenbericht

Alex Krapp auf Hochtour
Foto: The North Face
Wo Wanderer längst umkehren, beginnt für Bergsteiger der Spaß erst. outdoor-Redakteur Alex Krapp hat sich in eisige Höhen begeben ...

Beep, Beep, Beep. Vier Uhr. Nach wenigen Sekunden stehe ich auf den Holzdielen des Schlafraumes des Hochwildehauses. Eine Hand findet den Lichtschalter, ich falle in die Kleider. Lange Unterwäsche, Socken, Softshell. Nach einer Katzenwäsche stolpere ich in den Gastraum der auf 2866 Metern Höhe gelegenen Berghütte. Kaffee aus Thermoskannen, ein bisschen Käse auf Graubrot. Bernd Ritschel hebt müde seine Kaffeetasse. Die Nervosität des Bergprofis hält sich in Grenzen, auf dem Programm steht heute eine einfache Hochtour auf den 3336 Meter hohen Annakogel. »Das Wetter ist stabil«, stellt er nach einem Blick aus dem Fenster fest. Wenn einer das beurteilen kann, dann er. Als Fotograf verdient er seit über 25 Jahren sein Geld damit zu wissen, wann wo in den Alpen die Sonne scheint.

Auch Nadine Wallner, die dritte Person am Tisch, verströmt Gelassenheit. Als Spross einer Bergführerfamilie war die 25-Jährige schon früh in den Bergen unterwegs, mittlerweile ist sie zweifache Weltmeisterin im Freeride-Ski. Eine wie sie wird wahrscheinlich erst in vierzig Grad steilem Gelände richtig wach. Der Einzige, der der bevorstehenden Unternehmung mit gemischten Gefühlen entgegensieht, bin ich. Es ist meine erste Hochtour. Als Paddler haben mich bislang mehr die Wildbäche in den Tälern der Alpen interessiert, und als Genusskletterer eher die gut gesicherten Routen in den Dolomiten oder Südfrankreich. Mein emotionales Verhältnis zu Gletscherbegehungen speist sich im Wesentlichen aus »Sturz ins Leere«. In dem Dokudrama von Joe Simpson kämpft sich ein schwer verletzter Bergsteiger nach einem Spaltensturz durch das Innere eines Gletschers zurück ins Basislager (siehe Trailer:)




Still kaue ich an meinem Graubrot und überlege, wie ich ohne größeren Gesichtsverlust in Erfahrung bringe, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für so einen Sturz ins Leere denn heute ist. »Seid ihr denn auch schon mal in eine Spalte gefallen?« frage ich beiläufig. Bernd überlegt kurz, und zwar nicht, wie ich zuerst vermute, ob überhaupt, sondern wie oft und wo. Was folgt, ist eine wenig aufbauende Geschichte, in der Wörter wie Eisschraube, Prusikknoten und Selbstbergung fallen. Die Frage, ob denn auf dem Weg zum Annakogel auch mit Spalten zu rechnen sei, kann ich mir nicht mehr verkneifen. Bernd zuckt mit den Schultern und schmunzelt. »Also anseilen werden wir uns auf jeden Fall.«

Zehn Minuten später stehen wir im Flur der Hütte, streifen die Funktionsjacken über und legen die Gurte an. Bernd reicht mir einen Pickel. Ich wiege den Aluschaft in meiner Hand und sehe der Tatsache ins Auge, dass ich jetzt wohl so etwas wie ein Bergsteiger bin. Finsternis umgibt uns, als wir die Tür der Hütte hinter uns schließen. Für die Höhe und die Uhrzeit ist es recht warm, ich schätze etwas unter null Grad. »Mal sehen, ob wir die Steigeisen heute überhaupt brauchen werden …«, sagt Bernd. Wegen des Schnees sind wir so früh unterwegs. Nachts um vier ist er am härtesten, die Lawinengefahr am geringsten, die Schneebrücken über Spalten sind am stabilsten. Wir folgen einer Höhenlinie links im Hang, auf der wir nach einem Kilometer auf den Gurgler Ferner stoßen werden. Seine Eismassen ergießen sich unterhalb der Hohen Wilde (3461 m) Richtung Hochgurgel. Im Osten begrenzt sie der felsige Nordgrat der Hohen Wilde. Er schwingt sich auf 3200 Metern noch einmal hundert Höhenmeter zum Buckel des Annakogels auf, unserem Tagesziel. Von Norden kommend führt unsere Route über den westlichen Gurgler Ferner dorthin. Im langsamen Tempo folge ich dem Schein von Bernds Stirnlampe.

 

Alex Krapp auf Hochtour
Foto: Bernd Ritschel Dünne Luft verlangt deutlich mehr Kondition.

So, das ist jetzt der Gletscher sagt er plötzlich. Die Steigeisen werden wir wirklich nicht brauchen, der Schnee ist ziemlich weich. Bernd packt das Seil aus. »Wir nehmen dich in die Mitte«, sagt Nadine. Doch vorher macht Bernd alle paar Meter einen Knoten ins Seil. Bremsknoten, wie er erklärt. Bei einem Sturz in eine Spalte soll sich das Seil mit den Knoten durch die Last des Stürzenden in Schnee und Eis fräsen und so den Sturz verlangsamen. Mit dem Schraubkarabiner an meinem Hüftgurt klinke ich mich in die Schlaufe eines Knotens. Nach vorne und hinten bleiben jeweils etwa zehn Meter Seil. »Je kleiner die Gruppe, desto größer müssen die Abstände werden«, erklärt Bernd. Nur so habe man eine Chance, einen Sturz zu halten. »Wenn jemand von uns fällt, legst du dich auf den Boden und bremst mit dem Pickel.« Trügerisch friedlich liegt die Pfanne des Gurgler Ferners im diffusen Licht. Kaum will man glauben, dass die jungfräuliche Schneedecke tückische Spalten verbirgt. Es ist ein komisches Gefühl, sich des Bodens unter seinen Füßen nicht sicher zu sein. Ich flüchte mich in Wahrscheinlichkeitsberechnungen. Schließlich gibt es gefährlichere Berge, nicht umsonst wird Bernd diese Tour ausgesucht haben. Gleichmäßig zieht sich der Gletscher nach oben, ich male mir aus, wie sich die Eisfläche unter meinen Füßen über den Berg schiebt, und komme zu dem Ergebnis, dass es hier wohl wenig Spalten gibt. Im Grunde habe ich keine Ahnung. Erst mit jahrzehntelanger Erfahrung könne man anhand von Indizien wie Schneefarbe, Hangneigung, Buckeln und Geländeabbrüchen die Gefahr von Spalten einschätzen, sagt Bernd. Aber solange man sich nicht hundert Prozent sicher sei, gebe es nur eins: Anseilen! Nur dann kommt man gleich nach einem Sturz in den Genuss einer Spaltenbergung. Und die sieht, grob vereinfacht, so aus: Hängt der Gestürzteeinmal im Seil und haben alle ein paar Mal tief durchgeatmet, errichten die Retter einen sicheren Standpunkt. Am besten hält eine Eisschraube im Gletschereis, ist die Schneedecke zu dick dazu, behilft man sich mit einem sogenannten T-Anker. Dabei wird ein Pickel quer zum Hang in den Schnee gegraben und festgetreten. Auf diesen Fixpunkt wird mittels Karabinern und Reepschnüren die Last übertragen, sodass die Retter, die bislang das Opfer mit ihrem Körpergewicht halten mussten, frei agieren und den Gestürzten aus der Spalte ziehen können. »So einen Brocken wie dich zieht man zu zweit allerdings nicht so einfach aus einer Spalte, da braucht man eine lose Rolle«, sagt Bernd. Während ich noch überlege, um wie viel Prozent so eine lose Rolle den Kraftauf-wand reduziert, sagt Nadine: »Und das ist gar nicht so einfach, das muss man immer wieder üben. Wenn wir zurück sind, male ich es dir auf ...« Immer höher steigen wir, zum ersten Mal habe ich Zeit, meinen Blick schweifen zu lassen.

Dunkel erhebt sich die Wand des Schwärzenkamms links über uns

Mit jedem Schritt treten wir weiter ins Licht. Als die Sonne über den Horizont bricht, stehen wir etwa 1000 Meter vor dem Gipfel. Die Wolkenfetzen um uns leuchten in zarten Tönen. So ist das also, mitten im Morgenrot. Der Spiegel von Bernds Kamera klackert vor sich hin. Mein Puls geht ungewöhnlich schnell, ein Tribut an die 3100 Meter Höhe, auf der wir uns befinden. Noch 200 Höhenmeter durch die rosa Wattewelt, und wir erreichen den Grat, der am Gipfel des Annakogels steil zum 200 Meter tiefer gelegenen Langtalerferner abbricht. Am Gipfel dann Shakehands, jeder packt seinen Müsliriegel aus. Unter uns wogt ein Wolkenmeer. Wie eine steinerne Flamme lodern die beiden Spitzen der Hohen Wilde nur einen halben Kilometer vor uns in die Höhe und reißen die Wolken in Fetzen. Wenn Natur kitschig sein könnte, wäre sie es jetzt, aber sie ist zum Glück nicht in der Lage dazu.

Der Abstieg ist ein Klacks, in der Spur, in der wir gekommen sind, gehen wir zurück und rutschen bei jedem Schritt etwas nach unten. Um neun Uhr sind wir wieder am Hochwildehaus und kommen gerade richtig für ein zweites Frühstück. Fast schon unwirklich mutet die Erinnerung an den Trip ins Morgenrot an. Vor meinem geistigen Auge sehe ich immer noch die majestätischen Felszacken der Hohen Wilde. Wie schwer denn die leichteste Route dort hinauf sei, will ich von meinen Begleitern wissen. »Vielleicht lernst du zuerst mal, was eine lose Rolle ist ...«, sagt Nadine.

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02.11.2014
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 10/2014