Alpencross mit dem Fahrrad - von Garmisch nach Riva

Transalp: Mit dem Mountainbike über die Alpen


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MTB-Alpencross - Transalp per Rad
Foto: Ben Wiesenfarth

 

MTB-Alpencross - Transalp per Rad
Foto: Ben Wiesenfarth

 

MTB-Alpencross - Transalp per Rad
Foto: Ben Wiesenfarth

 

MTB-Alpencross - Transalp per Rad
Foto: Ben Wiesenfarth

 

MTB-Alpencross - Transalp per Rad
Foto: Ben Wiesenfarth
Einsteiger-Alpencross mit dem Fahrrad - wie fühlt es sich an, zum ersten Mal mit dem Mountainbike über die Alpen zu fahren? Ein Versuch.

Nehmen wir mal Herrn Wiesenfarth. Herr Wiesenfarth ist Downhiller. Auf seinen Reifen steht "Fat Albert", und so sehen sie auch aus. Kaum sitzt er auf dem Bike, reißt er den Lenker hoch und fährt ein Stück auf dem Hinterrad. Ständig schießt er Böschungen hinauf, anstatt den Lenker geradeaus zu halten wie Herr Krapp und ich, lässt sein Hinterrad ausscheren und erzeugt damit kleine Staubwolken. Will er vielleicht die ganzen 360 Kilometer und 5500 Höhenmeter zwischen Garmisch und dem Gardasee auf diese Weise zurücklegen?

5500 Höhenmeter. Ich mag gar nicht dran denken, auch wenn Profis so etwas in zwei Tagen wegkurbeln. Wir haben fünf, obwohl unsere Route, die Via Claudia Augusta, in Fachkreisen als Kinder-Alpencross gilt. Eibseeblick, Fernpass, Reschenpass, Gampenjoch, das ist grob die Linie; höher als 1500 Meter wird es nicht gehen, die Strecke läuft meistens auf Asphalt, Todesschluchten gibt es auch keine. Sogar die Römer haben den Weg teilweise schon genommen, und die sind nie besonders berühmt für ihre Mountainbikes gewesen. Sie zuckelten auf der Via Claudia Augusta von Augsburg an die Adria. Mit Ochsenkarren. Und jetzt wir: Jede Menge Zahnkränze, Krapp und Wiesenfarth vollgefedert und mit Klickpedalen, ich auf dem Hardtail und mit meinen Wanderschuhen.

 

MTB-Alpencross - Transalp per Rad
Foto: Ben Wiesenfarth Keine Angst vor gar nichts: Die outdoor-Redakteure Homann und Krapp geben auf ihrem ersten Rad-Alpencross alles.

MTB-Alpencross auf der Via Claudia

Die Zeichen stehen gut: Als wir frühmorgens im grünen Tal am Fuß der Zugspitze entlangrollen, sehen wir zwei gut gelaunte weiße Wolken am Himmel, das goldene Gipfelkreuz leuchtet, es duftet nach frisch gemähten Wiesen. Aber ich weiß, dass der Hammer beim Alpencross auf der Via Claudia am Schluss fällt. Drei Tage wird sie versuchen, uns übermütig zu machen, und dann Bamm - 3000 Höhenmeter an zwei Tagen.

"Am Berg muss jeder sein eigenes Tempo fahren", sagt Wiesenfarth. Wir sind jetzt am Berg, dem ersten auf dieser Tour. Hoch zum Eibseeblick auf 1500 Meter geht es. Der Asphalt ist Schotter gewichen, es knirscht unter den Stollen, der Wald kühlt. Aber wie schnell soll man es angehen? Keiner von uns ist je einen Alpencross gefahren. Herr Wiesenfarth, weil er viel lieber Trails hinabschreddert (und dem ich noch zwei Tage gebe, bis er vor Langeweile vom Rad kippt). Herr Krapp und ich, weil wir vorher nie auf die Idee gekommen sind.

Genau genommen sind wir bis vor ein paar Wochen überhaupt nicht besonders viel Rad gefahren, und schon gar keines, das so aussieht, als könne man auf ihm jeden Moment über den Lenker fliegen. Plus solche Unruhestifter wie mein Knie - beim Wandern hatte es zuletzt verdammt gezogen. Ob es halten wird? Herr Krapp hatte es vor dem Start mit dem Rücken. Herrn Wiesenfarth fehlt meines Wissens nichts außer einem schnellen Singletrail, aber er ist Fotograf und hat von Berufs wegen ein Handicap, sein schweres Kameraequipment. Aber vermutlich macht ja gerade das den Reiz einer Alpenüberquerung aus: zu sehen, ob man es schafft.

Transalp per Bike: Den Fernpass hinauf

Es läuft gut. Ruckzuck erreichen wir den Eibseeblick, höhenmetermäßig schon die halbe Miete heute. Der See funkelt unter uns aus dem Wald, dann rollen wir ins Tal, nach Ehrwald in Österreich. Wenn das Alpencross ist, dann fällt er leicht. Das Gelände weitet sich, die Zugspitze liegt jetzt als kompakte Mauer in unserem Rücken. Ich sage es nicht gerne, aber sie sieht hier beeindruckender aus als auf der deutschen Seite. Den Fernpass hinauf verschluckt uns wieder der Wald.

Tief und breit kerbt die Via Augusta in die Erde; man kann sich vorstellen, wie die Römerkarren sich hier eingruben. Kein Mensch außer uns ist unterwegs. Herr Wiesenfarth fährt weiter Böschungen hinauf und versucht, uns zu Downhills zu überreden. Ständig weist er in schattige Löcher im Wald. "Das sieht doch gut aus", sagt er und schaut erwartungsvoll. Herr Krapp und ich sagen dann meistens nichts. Als ein Schild "Radfahren verboten" anzeigt, hält Wiesenfarth es nicht länger aus. "So ein Schild ist doch der sicherste Hinweis für einen guten Trail", sagt er und heizt los. Weiter auf Seite 2


22.05.2013
Autor: Gunnar Homann
© outdoor
Ausgabe 06/2012