Erste Hilfe: Not am Mann
Unfälle auf Tour sind selten. Doch wenn etwas passiert, ist man meistens ratlos. outdoor zeigt Ihnen, wie Sie sich und anderen helfen – und wie Sie im Notfall Hilfe holen.

- Foto: Armin Wirth
Die Vorbereitung auf eine Tour macht Spaß: Man brütet über Landkarten, checkt seine Ausrüstung und besorgt sich im Supermarkt schöne Leckereien. Ein Erste-Hilfe-Set wird auch eingepackt: Ein paar Pflaster, Mullbinde und Aspirin, das wird schon reichen – tut es in der Regel auch. Doch was tun bei einer »richtigen« Wunde, bei einem Knochenbruch oder gar inneren Verletzungen? Mit den verblassten Kenntnissen aus dem Erste-Hilfe-Kurs zum Führerschein ist da nicht mehr viel zu retten. Umso wichtiger ist es, sich auf den Ernstfall vorzubreiten. Dazu gehören das Verarzten kleiner Verletzungen sowie das Erkennen von schweren Erkrankungen und wie man im Notfall Hilfe holt.
Zu den häufigsten Verletzungen auf Outdoor-Touren gehören Wunden: Schnell hat man sich mit dem Messer geschnitten, rutscht aus und schürft sich die Hand oder das Knie auf. Mit einigen einfachen Regeln kann man wirksam helfen und eine Infektion der Wunde vermeiden.
Ganz wichtig: Lebensbedrohliche Blutungen müssen unbedingt zum Stillstand gebracht werden, in aller Regel mit einem Druckverband. Die Reinigung der Wunde ist nicht ganz so wichtig. Lebensbedrohliche Blutungen sind zum Beispiel Schlagaderverletzungen mit spritzender Blutung. Ein Blutverlust über 500 Milliliter gilt als lebensbedrohlich. Bei schlechter körperlicher Verfassung können auch geringere Mengen gefährlich werden. Ist eine Blutung gestillt oder ist die Blutung nicht lebensbedrohlich, dann waschen Sie die Wunde umgebenden Hautpartien. Die gesunden, nicht verletzten Hautpartien um die Wunde mit Wasser und (neutraler) Seife reinigen. Anschließend die Wunde mit klarem (Trink-) Wasser ausspülen. Verwenden Sie nur kaltes Wasser, da warmes Wasser die Blutung wieder starten oder verstärken kann. Grobe Partikel werden mit einem Wasserstrahl aus der Wunde »geschossen«. Hierfür kann man sich eine Plastiktüte mit Wasser füllen und ein kleines Loch in den Beutel schneiden. Drückt man nun auf den Beutel, so kann man mit dem herausschießenden Wasserstrahl die Wunde leicht ausspülen.
Alle sichtbaren Fremdkörper, die nach dem Ausspülen zurückbleiben, werden nun mit einer Pinzette, frischem Tempo etc. aus der Wunde entfernt. Wichtig ist auch, tote Hautreste zu entfernen oder abzuschneiden, denn tote Haut ist der ideale Nährboden für Bakterien und mit eine Hauptursache für Infektionen auf Tour. Oft sieht man erst nach einem Tag, was abgestorben ist. In solch einem Fall die Wundreinigung wie beschrieben einen Tag später wiederholen.
Anschließend versorgt man die Wunde mit einem Antiseptikum. Die Reinigung der Wunde wie beschrieben trägt zu 80 Prozent zur Verhütung von Infektionen, das Antiseptikum nur zu 20 Prozent. Vergessen Sie Alkohol, Chlor und ähnlich aggressive Mittel als Antiseptikum. Sie desinfizieren die Wunde zwar, töten aber gleichzeitig gesunde oder teilgeschädigte Hautzellen ab. Auf diese Weise entsteht in einer desinfizierten Wunde neuer Nährboden für die übriggebliebenen Erreger. Verwenden Sie stattdessen zum Beispiel Betaisodona, das es in flüssiger Form und als Salbe gibt. Es eignet sich am besten, um Wunden zu versorgen.
Zum Schluss wird die Wunde so steril wie möglich verbunden. Direkt auf die Wunde kommt eine sterile Wundauflage, die im optimalen Fall aus einer Kompresse besteht. Wundauflagen kann man sich auch aus einem T-Shirt basteln. Schneiden Sie dazu fünf Lagen eines Baumwoll T-Shirts mit zirka 15 x 15 cm aus und kochen Sie diese Kompressen 15 Minuten. Lassen Sie diese dann an der Sonne trocknen, am besten auf einer Leine. Sind die Kompressen trocken, eignen sie sich als behelfsmäßige Wundauflage.

- Blasen sind zwar schmerzhaft, aber kaum gefährlich. <br>Foto: Jürgen Kurapkat
Was tun bei Wundinfektionen?
Falls doch eine Infektion auftritt, merken Sie das in der Regel erst zwei bis vier Tage nach der Verletzung: Eiter wird in der Wunde sichtbar, der rote Rand um die Wunde weitet sich stark aus und die Wunde schmerzt. Möglicherweise stinkt es unter dem Verband faulig. Auf keinen Fall sollte der Eiter ausgedrückt werden, da die Erreger auf diese Weise durch die Schutzschicht der Wunde in gesundes Gewebe geschwemmt werden. Die Infektion breitet sich so aus.
Man muss nun zwischen einer lokalen und einer systemischen Infektion unterscheiden. Zeichen einer
lokalen Infektion sind: Der normale rote Wundrand breitet sich aus und wird größer, möglicherweise treten rote Striche von der Wunde in Richtung Herzen auf (hierbei handelt es sich um eine Lymphbahnvergiftung und nicht – wie oft behauptet – um eine Blutvergiftung), verstärkte Schmerzen und Berührungsempfindlichkeit, Eiter, der nur sichtbar wird, wenn die Wunde of-fen ist, geschwollene Lymphknoten etwas oberhalb der Wunde.
Treten diese Symptome auf, dann gehen Sie wie folgt vor: Entfernen Sie Pflaster etc. von der Wunde, so dass Eiter ablaufen kann. Die Wunde mit sauberem Wasser und Antiseptikum ausspülen. Bäder in warmem Wasser mit Betaisodona (20 min) durchführen, Wunde steril verbinden und jeden Tag den Verband wechseln, wenn nötig auch zwei Mal pro Tag. Das betroffene Körperteil ruhig stellen, die Verletzung ständig beobachten und auf eine systemische Infektion achten. Falls vorhanden und verordnet, sollte der Patient Antibiotika einnehmen.

- Nur im Notfall: Wunden selbst nähen.<br>Foto: Börge Ousland
Bei einer systemischen Infektion handelt es sich um einen Notfall, der mit höchster Priorität evakuiert werden muss, da sich die Infektion auf den ganzen Körper ausgebreitet hat. Zeichen dafür sind: Dem Patienten geht es sehr schlecht, hohes Fieber und starke Schmerzen an der Wunde, meist auch rote Striche oberhalb der Wunde (in den Lymphbahnen) und geschwollene Lymphknoten im ganzen Körper weisen auf den lebensbedrohlichen Zustand hin. Der Patient muss dringend evakuiert werden, egal ob Antibiotika zur Verfügung stehen oder nicht. Ein Patient in diesem Zustand außerhalb qualifizierter medizinischer Hilfe schwebt in großer Lebensgefahr!
Bis zur Evakuierung sollte man die Versorgung der Wunde wie beschrieben fortsetzen.
Kann man Wunden und andere kleine Verletzungen noch einigermaßen gut unterwegs behandeln, wird es bei Notfällen wie Bauchschmerzen oder Blut im Stuhl kritisch. Da uns als Laien das Wissen der inneren Medizin fehlt und auch der diagnostische Apparat nicht zur Verfügung steht, ist es zumindest wichtig, die Warnsignale des Körpers zu erkennen und Hilfe zu holen. Dabei sind internistische (im Körper befindliche) Notfälle problematischer als traumatische (Verletzungen durch Gewalteinwirkung, sichtbare Blutungen, etc., siehe outdoor 5/98). Grund: Man sieht nicht, was dem Patienten fehlt. Irgendwo tut der Bauch weh, im Brustkorb sticht es oder die Hände kribbeln. In einem Krankenhaus wird zur Diagnostik schweres Gerät aufgefahren: Röntgen, Computertomografie, Labor, Ultraschall etc., um ins Innere des Patienten schauen zu können. Da uns diese Möglichkeiten unterwegs nicht zur Verfügung stehen, müssen wir uns einiger einfacher Warnsignale bedienen. Anhand dieser Signale muss man entscheiden, ob ein internistisches Problem möglicherweise lebensbedrohlich ist und der Patient evakuiert werden muss oder nicht.