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Leichtgewicht Teil 2
Ultraleicht-Ausrüstung verspricht ein neues Tourengefühl: Ist man leicht und unbeschwert unterwegs, sollen Touren zum Wellnesstrip werden. outdoor -Redakteur Frank Wacker hat’s probiert.
Hätte ich ein Zelt mitgenommen, würde ich in Ruhe ein Buch lesen. Stattdessen sitze ich hier in diesem einsamen Tal unter einer superleichten Edel-Zeltplane und kämpfe gegen ein Heer von Stechmücken, dem ich schutzlos ausgeliefert bin. Gesicht und Hände sind längst übersät von Stichen, der Kampf ist aussichtslos. Völlig entnervt ergebe ich mich meinem Schicksal und flüchte in den Schlafsack. Das aber scheint die Biester nur noch mehr anzuheizen. Ihr Summen wird immer hochfrequenter, an Schlaf ist nicht zu denken. Erst als die Temperaturen sinken, verschwinden die Quälgeister in ihre Schlupflöcher und ich sacke ins Reich der Träume.
Mitten in der Nacht erwache ich mit schmerzenden Knochen, denn meine 170-Gramm-Isomatte gleicht den welligen und eisenharten Boden nur unzureichend aus. Geriffelte Oberfläche hin oder her, mit einer selbstaufblasenden Matte kann sie in diesem Terrain nicht mithalten.
Warum tut sich das ein outdoor-Testredakteur, Herr vieler herrlich mückendichter Zelte und wunderbar bequemer Isomatten, an? Ganz einfach. outdoor-Chef Olaf Beck hatte eine Mission für die Testredaktion: Findet die leichteste Trekking-Ausrüstung der Welt und geht damit auf Tour, »schließlich stehen immer mehr Leute auf ultraleicht«. Also wälzten Kollege Gnielka und ich wochenlang Kataloge und diskutierten, wie man am besten Gewicht schindet. Am Ende stellten wir eine Ausrüstung von nur 4135 Gramm zusammen, etwa 10 000 Gramm unter Standard. Und am meisten spart man nun mal, wenn man statt des Zeltes eine leichte Zeltplane mitnimmt. 500 Gramm wiegt sie, gut 3000 Gramm weniger als ein klassisches Trekkingzelt. Dafür büße ich gerade aber auch nicht zu knapp.
Tagsüber aber fühle ich mich wieder fantastisch. Mit einer bis dato nicht bekannten Leichtigkeit erklimme ich Meter um Meter auf dem steilen Pfad zum Mittenwalder Höhenweg. Es macht eben einen großen Unterschied, ob man acht Kilo auf dem Buckel schleppt (vier Kilo Ausrüstung plus Verpflegung und Wasser) oder 18. Auch das geringe Gewicht der Schuhe spürt man: Wie von selbst scheinen sich die Füße im Takt der Stöcke zu bewegen, schwere Stiefel hingegen wirken oft wie ein Klotz am Bein. Knapp 1000 Gramm bleiben zu Hause, wenn man, wie ich, anstelle eines schweren Trekkingschuhs mit dem Nike ACG Air Zoom Tallac loszieht. Allerdings bietet seine kaum profilierte Sohle in Schnee und Schotter wenig Halt, und auch gegen Umknicken ist man trotz der Versteifungen aus Kunststoffrippen nicht gefeit. Ansonsten trägt er sich aber sehr bequem und bietet dank Gore-Tex-XCR-Futter einen sehr guten Wetterschutz.
Der lässt bei meiner ultraleichten Marmot-Jacke (90 Gramm!) zu wünschen übrig: Als gestern ein kalter Wind pfiff und es trotz strahlenden Sonnenscheins recht kühl blieb, schützte sie gut. Heute jedoch gerate ich in einen heftigen Schauer, der das Fliegengewicht überfordert: Innerhalb kürzester Zeit bin ich bis auf die Knochen durchnässt und fröstle selbst beim leisesten Windhauch. Auch meine dünne Lafuma-Hose wärmt nur wenig. Merke: Ultaleicht-Ausrüstung macht tagsüber mehr Spaß als nachts, und das vor allem bei schönem Wetter.
Apropos Spaß: Ich bin erstaunt, wie deutlich man den Unterschied zwischen leichten und schweren Stöcken spürt – obwohl es nur ein paar hundert Gramm sind, die meine Komperdell-Karbonstöcke weniger als herkömliche Modelle wiegen. Vermutlich kommt hier der gleiche Effekt zum Tragen wie bei Schuhen: Englische Wissenschaftler rechneten für Sir Edmund Hillary aus, dass jedes an den Füßen eingesparte Gramm dem Fünffachen des Rucksackgewichts entspricht, da die Füße weit vom Körperschwerpunkt entfernt sind. Aber: Beide Teststöcke machen keinen so robusten Eindruck. Nachdem die Stöcke mehrere Male zusammengerutscht sind, ziehe ich die Segmente so fest an, wie ich es von anderen Stöcken gewöhnt bin. Doch plötzlich drehen beide hohl wie eine Schraube, deren Gewinde keinen Halt mehr hat. Was ist passiert? Je ein Klemmsegment hat sich aus der Fixierung gelöst. Damit sind die Stöcke nicht mehr zu gebrauchen. Hoffentlich ein Einzelfall, denn sonst sind die High-Tech-Stöcke große Klasse.
Richtig viel Gewichtsersparnis bringt mein Rucksack, der Golite Gust. Er wiegt nur 400 Gramm. Abspeckleistung gegenüber einem Trekkingrucksack mit 70-Liter-Volumen: etwa 2500 Gramm. Doch im Laufe des Trekking-Tages zeigen sich auch hier die Grenzen des Ultraleicht-Pakets: Mein Rücken ist nass geschwitzt und extrem heiß, da der direkt am Körper anliegende Rucksackrücken aus einem luftundurchlässigen Material besteht. Weitere Nachteile: Durch den Verzicht auf eine Rückenversteifung muss man den Packsack sehr akurat packen, sonst drücken kantige Gegenstände wie Kocher oder Gaskartusche unangenehm ins Kreuz. Oder der Rucksack passt sich im Lendenbereich nicht richtig an den Rücken an. Folge: Die Last wird nicht auf den Beckenkamm übertragen, sondern drückt auf die Schultern – ein Fehler, der mir gestern unterlaufen ist. Heute habe ich den Golite besser gepackt: ihn mit der Isomatte von innen ausgepolstert und den Rest der Ausrüstung in den Hohlraum in der Mitte gestopft. Jetzt drückt nichts mehr, auch nicht mein Jetboil-Ultraleichtkocher, ein clever konstruiertes Teil, bei dem Brennelement und Topf fest miteinander verbunden sind. 400 Gramm weniger als mit einer Standard-Outdoor-Küche schleppt man so, denn bei der sind Kocher und Topfset getrennt und wiegen extra. Außerdem braucht man einen extra Windschutz.
Und mein Exped- Butterfly- Daunenschlafsack?(Gewichtsersparnis: minus 500 Gramm). Der hält mich auch in dieser Nacht anständig warm, aber weil der Boden völlig durchnässt ist, muss ich sehr aufpassen, dass ich nicht von der Matte rolle und er nass wird. Wieder wünsche ich mir ein Zelt herbei: Es wäre nicht nur schneller errichtet als die Planen-Konstruktion, sondern ich hätte es auch trockener darin als unter der Plane, die einem niemals das gleiche Gefühl von Geborgenheit geben kann. Immerhin lässt mich der Kocher nicht im Stich: Es dauert zwar verhältnismäßig lang, bis das Wasser kocht; und durch die schlanke, aber sehr hohe Konstruktion steht das Jetboil-Kochsystem sehr kippelig, dafür ist die Flamme sehr gut vor Wind geschützt, was gerade beim Einsatz ohne Zelt von Vorteil ist. Zudem verbraucht er gerade mal die Häfte an Gas als ein normaler Kocher. Vorteil: Man braucht weniger Brennstoff und spart auch so Gewicht.
Und am nächsten Morgen ist die Welt dann wieder vollkommen in Ordnung: Auf dem Waldboden habe ich gut geschlafen, die Sonne lacht vom Himmel, und ich freue mich auf die letzte Etappe. Ich lasse es richtig krachen, lege in sechs Stunden über dreißig Kilometer zurück und freue mich abends beim Auto über meine Leistung.
Keine Frage: Leichtes Gepäck ist tagsüber eine Riesenerleichterung: Man bewegt sich unbeschwerter und ist nicht so schnell erschöpft. Das steigert unter anderem die Trittsicherheit und senkt das Verletzungsrisiko. Und bergab schont man Sehnen und Gelenke, weil der Körper weniger Gewicht abbremsen muss. Weiteres Plus: Touren machen einfach mehr Spaß, wenn man nicht schon beim kleinsten Anstieg aus dem letzten Loch pfeift. Aber: Die Ausrüstungsdiät sollte nicht auf Kosten des Wetterschutzes gehen, sonst sieht man bei einem Gewitter alt aus – und die gibt es gerade im Sommer häufig. Will man zelten, gilt: Mit bequemerer Ausrüstung schläft man besser und ist am nächsten Tag fitter – hier lohnen sich also ein paar Pfunde mehr. Damit ist klar: Leicht ist geil, ultraleicht weniger. Frank Wacker
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09.09.2005
© Outdoor Ausgabe 07/2005
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