Isabelle Eberhardt im Porträt

Eine Nomadin aus den Alpen: Isabelle Eberhardt

Isabelle Eberhardt
Foto: Public Domain Wikipedia
Isabelle Eberhardt bereiste als Mann verkleidet Nordafrika und führte dort ein Leben als Nomadin.

Isabelle Eberhardt liebt es, sich zu verkleiden. Schon im Elternhaus in der Schweiz, wo sie als uneheliche Tochter einer deutsch-russischen Adeligen in der Emigration aufwächst, greift sie nach den Kleidern ihrer Brüder. »Als ich die Familie kürzlich besuchte, waren vier halbwüchsige Knaben im Alter zwischen zwölf und achtzehn Jahren damit beschäftigt, Beete umzugraben, Unkraut zu jäten und Dünger auszufahren. Als ich näher trat, stellte ich fest: Der jüngste und kräftigste der vier, der mit einer Zigarette im Mund Holz hackte, war ein Mädchen«, schreibt ein Freund der Familie über seine erste Begegnung mit Isabelle. Aus der kindlichen Verkleidung wird ein Lebensmotiv.

Gerade 20 geworden, reist Isabelle mit ihrer Mutter ins algerische Annaba. Die Reise nach Nordafrika ist keine Laune. Isabelle ist fasziniert vom Islam, spricht Arabisch, konvertiert zuletzt: »Mein Körper ist im Okzident, aber meine Seele ist im Orient.« Die Mutter stirbt kurz nach der Ankunft. Isabelle wirft sich einen Burnus über, verdeckt ihr Haar und stürzt sich ins Leben: »Durch die Gassen der Altstadt und in die Moscheen. In die Kaffeehäuser und Bars – an Orte, die nur Männern offenstehen!« Sie nennt sich Si Mahmoud, reist von Annaba nach Tunis, führt ein freies Leben, das sie bei der Polizei nacheinander in den Verdacht bringt, eine englische Spionin, eine jüdische Suffragette oder eine Bomben legende russische Terroristin zu sein.

1899 bricht Isabelle auf: Alleine zu Pferd, von Tunis nach Batna in Algerien. Von dort mit einem französischen Militärkonvoi nach Biskra und mit zwei Moslembrüdern weiter ins Innere der Wüste. Hier, in der Weite der Sahara, findet die Ruhelose ihre Heimat. »Ich habe es mir aus dem Kopf geschlagen, in dieser Welt eine eigene Ecke zu haben, einen Mann, ein Heim, den Frieden und den Wohlstand«, schreibt Isabelle in ›Sandmeere‹, der Sammlung ihrer Schriften aus der Wüs-te. Sie ist unbehaust, Außenseiterin überall, nur nicht in der Wüste, in ihrem»wahren Leben«: »Für das Publikum setze ich die Maske des Zynischen, des Ausschweifenden, des großspurig Unbekümmerten auf ... bis heute hat niemand verstanden, die-se Maske zu durchdringen und meine wahre Seele zu erkennen ...« Die Wüste, das ist für sie das Leben.

Zwar ist sie auch hier Außenseiterin, aber sie unterscheidet sich darin nicht von allem anderen Lebendigen im toten Sand. Immer wieder kehrt sie hierher zurück: Zu Pferd, als Pilgernde, als Schriftstellerin, als Diplomatin im Auftrag Frankreichs, die mit den Nomaden der Wüste verhandelt. Sie berichtet über die Sahara, macht sich einen Namen als Reisereporterin und verdient genug Geld, um sich einen eigenen Araberhengst zu kaufen. »Reisen ist, wenn man nicht denkt, sondern die Abfolge der Dinge vorbeiziehen sieht, wenn sich das eigene Lebensgefühl dem Maß des Raumes einfügt.« Isabelle entwirft mit ihrem Leben und in ihren Schriften das Bild des modernen Nomaden, des Individualisten: »Mir scheint, es ist besser, Schafe zu hüten, als mit einer Masse zu verschmelzen.«

Auch verheiratet immer noch eine Nomadin

Einmal nur zieht Isabelle Frauenkleider an: Bei ihrer Heirat mit Slimène Ehnni, einem Leutnant der algerischen Armee. Mal zu zweit, mal getrennt, ziehen die beiden von Ort zu Ort. Isabelle ist berühmt als die Frau in Burnus und Reitstiefeln. Aber geachtet in der Kolonialgesellschaft ist sie nicht. Ihr Lebensstil ist exzessiv: Sie trinkt wie ein Mann, konsumiert Haschisch und schert sich nicht um Konventionen.

Sie haust in einfachen Quartieren, stolz auf ihre Genügsamkeit, auf ihre Fähigkeit, von Wenigem zu leben wie ein Nomade. »Ich werde mein Leben lang Nomadin bleiben«, sagt sie. »Verliebt in den wechselnden Horizont, in die unerforschten Fernen, denn jede Reise, selbst in die überfülltesten Länder, ist eine Entdeckungsreise.« Am 21. Oktober wird ihr die bescheidene Lehmhütte in der Oase Ain Sefra zum Verhängnis: Ein Sturzregen verwandelt den ausgetrockneten Wasserlauf, an dem sie wohnt, in einen reißenden Bach. Slimène Ehnni kann sich vor der Flutwelle retten. Die 27-jährige Isabelle stirbt, begraben unter Lehm, in einer Sandwüste, die sich für Augenblicke in ein Wassermeer verwandelt hat.

 

Isabelle Eberhardt
Foto: Public Domain Wikipedia Isabelle Eberhardt wurde als Schweizerin geboren und starb als Französin in Algerien.

Daten und Fakten zu Isabelle Eberhardt

  • Sieben Jahre lang bereiste Isabelle Eberhardt als Mann verkleidet Nordafrika.
  • Sie wurde am 17. Februar 1877 in Meyrin bei Genf geboren, am 21. Oktober 1904 kam sie in Ain Sefra in Algerien ums Leben.
  • Sie veröffentlichte Romane, Erzählungen und Reiseberichte.
06.10.2011
Autor: Beate Hitzler
© outdoor
Ausgabe 09/2011