Bergsteiger-Legende Hermann Buhl im Porträt

Der König der Bergkönige: Hermann Buhl

Buchtipp: Hermann Buhl
Foto: Piper Verlag, München
Hermann Buhl gehört zu den wenigen Alpinisten, die zwei Achttausender erstbestiegen haben. Im Alleingang bezwang er 1953 den Nanga Parbat.

"Eigenartig, denke ich mir, der Schnee ist trocken, die Luft ist kalt, doch die Sonne heizt erbarmungslos ein, dörrt den Körper aus, trocknet die Schleimhäute und legt sich wie eine Zentnerlast auf den ganzen Menschen. Es wird immer unerträglicher." Hermann Buhls Gedanken auf seinen letzten Kilometern, im Alpinstil und ohne künstlichen Sauerstoff zum Nanga-Parbat-Gipfel im Juni 1953, klingen bedrückend. Doch sein Alleingang im Himalaja bringt ihm den ganz großen Ruhm. Im Rucksack sind warme Bekleidung, Steigeisen, die Kamera, Traubenzucker, Ovomaltine, einige Neapolitanerschnitten, Dörrobst und Cocatee. Die Padutin-Tabletten gegen Erfrierungen und Pervitin-Pillen zum Aufputschen und Durchhalten wird er bald brauchen. Denn nach oben, auf die 8125 Meter, kommt er nur mit Mühe – und letztendlich ohne Rucksack. In der halben Stunde, die der Österreicher als erster Mensch überhaupt auf einem 8000er ohne künstlichen Sauerstoff verbringt, macht er Fotos, hängt den Tiroler Wimpel, dann die Pakistanische Flagge am Pickelstiel auf.

Er baut einen Steinmann und steckt für "Generl", seine Frau, einen kleinen Stein ein. Für den Rückweg ohne Seil wählt er eine neue Route. Auf 8000 Metern muss er biwakieren, robbt am nächsten Tag geschwächt vor Kälte, Hunger und Durst mit allerletzter Kraft Richtung Zelte und Rettung. "Ich bin nicht mehr ich – nur noch ein Schatten – ein Schatten hinter einem Schatten", notiert Buhl in sein Tagebuch über diesen extremen Abstieg. Insgesamt dauerte sein Gipfelsieg 41 einsame Stunden, vom Abmarsch bis zur Rückkehr. Nie mehr ist bis heute – berücksichtigt man Zeit und Ausrüstung – so eine bergsteigerische Leistung erreichbar, darin ist sich die alpine Szene einig.

Schon als Zehnjähriger sammelt er Erfahrung bei ersten Bergtouren in den Tuxer Alpen und im Karwendelgebirge. Schwächlich ist er, sensibel dazu, doch dann trainiert er in der Jungmannschaft der DAV-Sektion Innsbruck. Er wird ein guter Bergsteiger, schafft bald als hervorragender Kletterer schwierigste Routen. In den Zentralalpen perfektioniert der junge, ehrgeizige Buhl den Umgang mit Pickel und Steigeisen im Eis. Dann folgen – als Sanitätssoldat ausgebildet – schwierige Routen wie die Erstbegehung der Maukspitze-Westwand im Wilden Kaiser (1943), die Kriegszeit als Gebirgssoldat in Italien, die erste Winterbegehung der Marmolada-Südwestwand (1950) und die Durchsteigung der Eiger-Nordwand (1952) bei widrigen Bedingungen. Klettern im Alleingang, Überschreitungen in möglichst kurzer Zeit, Buhls Spezialitäten sind neu und bei den Alpinisten seiner Zeit eine Ausnahme. Wer mit dem Innsbrucker Bergführer zu tun hat, erfährt, dass er die Härte gegen sich auch andere spüren lässt.

Hermann Buhl: Der Extremkletterer als Sportler des Jahres

Als er 1952 eine Einladung zur deutsch-österreichischen Willy-Merkl-Gedächtnisexpedition zum Nanga Parbat erhält, gehört Winterbergsteigen zur Vorbereitung. Er überschreitet alle 25 Gipfel der Gletscherkette im Karwendel in nur 33 Stunden, 1953 in einem nächtlichen Alleingang die vereiste Watzmann-Ostwand – und bezwingt schließlich alleine den Nanga Parbat. Österreich erklärt Buhl zum "Sportler des Jahres". Der Nationalheld hält Vorträge in Europa, sein Buch 8000 – drüber und drunter (1954) (siehe unten), wird zum Klassiker der alpinen Literatur. Nach Touren in den Dolomiten, im Montblanc-Gebiet folgt 1957 die nächste Expedition in den Himalaja. Dort wird der 8047 Meter hohe Broad Peak im Karakorum gemeinsam mit Fritz Wintersteller, Kurt Diemberger und Marcus Schmuck zum ersten Mal überhaupt und ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen.

Dann will Hermann Buhl mit Diemberger den Chogolisa (7654 m) erstbesteigen. Ein Schneesturm zwingt die Bergsteiger abzusteigen, die Sicht ist schlecht, für eine Seilsicherung bleibt keine Zeit mehr. Eine Wechte bricht und stürzt mit dem 33-jährigen Buhl in den Abgrund. Sein Stil und der Ehrgeiz, ohne technische Hilfsmittel und künstlichen Sauerstoff, dazu schnell und mit wenig Gepäck die Berge ausschließlich aus persönlichen Motiven zu besiegen, macht den "König der Berge" zum Vorbild vieler Bergsteiger, zum Wegbereiter Reinhold Messners. "Extrembergsteiger sind Besessene", schreibt Buhl in seinem Tagebuch. "Sie müssen es sein. Ohne Besessenheit kann man das Ziel, das so viel Entsagung und Selbstüberwindung fordert, nicht erreichen."

Mehr über Hermann Buhl in diesem Youtube-Video:




Daten und Fakten zu Hermann Buhl

  • Der am 1924 in Innsbruck geborene Alpinist und Büroangestellte gehört neben Kurt Diemberger und dem Sherpa Gyalzen Norbu zu den einzigen Alpinisten, die zwei Achttausender erstbestiegen haben.
  • Am 27. Juni 1957 stürzt er am Chogolisa in Pakistan ab.

 

Buchtipp: Hermann Buhl
Foto: Piper Verlag, München

Buchtipp: Achttausend drüber und drunter

Taschenbuch-Ausgabe, mit den Tagebüchern von Nanga Parbat, Broad Peak und Chogolisa. Im Rahmen der Neuausgabe seines Buches werden die Tagebücher Hermann Buhls erstmals vollständig veröffentlicht.
Piper Verlag
368 Seiten
Preis: 9,95 Euro

05.01.2012
Autor: Beate Hitzler
© outdoor
Ausgabe 07/2011