Abenteurerin Alexandra David-Neel im Porträt

Alexandra David-Neel: Leidenschaft für den Osten

Alexandra David Neel im Portrait
Foto: Public Domain (Wikipedia)
Am 8. September 1969 verstarb Alexandra David-Néel. Bis zu ihrem Tode im hohen Alter von 100 Jahren war Sie abenteuerlustig. Ihr ganzes Leben lang wollte die Französin ausreißen - nicht nur aus dem konventionellen Leben ihrer Zeit.

Dieses Mädchen einzufangen ähnelt dem Versuch, den Wind ins Zimmer zu sperren. Alexandra David ist 15, als sie nach England durchbrennt und erst zurückkommt, als sie kein Geld mehr in der Tasche hat. Zwei Jahre später gönnt sich die Tochter eines französischen Lehrers einen Versuch, den sie für sehr gelungen hält.

In einem dünnen Kleid verlässt sie das Elternhaus und steigt in einen Zug in die Schweiz. Als die Mutter einige Zeit später zum Lago Maggiore gerufen wird, um die mittellose Tochter dort aufzusammeln, stellt sich heraus, dass sie zu Fuß den Gotthard-Pass überquert hat und nichts weiter bei sich trägt als einen Regenmantel und ein Handbuch des griechischen Philosophen Epictetus – er gehört zur Schule der Stoiker, der sie sich verbunden fühlt.

Alexandra kehrt nach Hause zurück, ist in Gedanken aber immer unterwegs. Sie fühlt sich hingezogen zu den Schriften und Lebensformen des Fernen Ostens, beschäftigt sich mit Sprachen wie Sanskrit und Chinesisch. Dann ebnet ihr eine Erbschaft den Weg in die Welt. Anderthalb Jahre lang bereist sie Indien und Ceylon, lernt tibetanische Musik kennen und träumt davon, Tibet und den Himalaja zu entdecken.

Doch zunächst kehrt sie nach Paris zurück, schließt ihre Ausbildung als Sopranistin ab und hat auch Erfolg an europäischen Opernhäusern.

 

Alexandra David Neel im Portrait
Foto: Public Domain (Wikipedia) Die junge Alexandra David-Néel.

14-Jährige Trennung von Ehemann Philippe Néel

Bei einem längeren Aufenthalt in Nordafrika lernt sie den eleganten Ingenieur Philippe Néel kennen, dessen Antrag sie schließlich annimmt, obwohl die überzeugte Feministin nicht vorhatte zu heiraten. Nach ein paar Monaten weiß sie, dass sie nicht für das Leben einer konventionellen Ehefrau gemacht ist. Die Verbindung zu ihrem Mann bleibt zwar bestehen, aber Monsieur Néel sieht seine Schöne nicht mehr allzu oft. Als sie sich 1911 für die zweite große Reise nach Asien verabschiedet, verspricht sie ihm, spätestens nach anderthalb Jahren zurückzukehren - aus denen eine Ewigkeit von 14 Jahren wird.

Ein Jahr davon verbringt sie als Einsiedlerin im Himalaja, meditiert, setzt ihre Studien des Buddhismus und ferner Gedankenwelten fort und wird schließlich in den Stand eines Lama erhoben. Sie übersteht harte Winter unter dem Dach der Welt, und wie sehr sie der Himalaja verzaubert, merkt sie, als sie einige Zeit in Japan und Korea verbringt.

"Heimweh nach einem Land, das nicht meines ist"

Sie schreibt ihrem Mann: "Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe Heimweh nach einem Land, das nicht meines ist. Die Bilder der Steppen, der Einöden des ewigen Schnees und unglaublich blauen Himmels verfolgen mich. Es ist ein Land, das zu einer anderen Welt zu gehören scheint."

Sie kehrt zu den Bergen mit dem ewigen Schnee zurück und ist 56, als sie mit ­ihrem langjährigen jungen ­Begleiter Aphur Yongden ver­mutlich als erste Europäerin nach einer abenteuerlichen Durchquerung des Himalaja die verbotene Stadt Lhasa in Tibet betritt, den mysteriösen Ort nahe der Wolken, von dem sie immer schon geträumt hat.

Alexandra David-Néel: Reisedrang bis zum Tode

Sie hütet die Eindrücke, Gedanken und Gerüche wie einen Schatz, als sie nach Europa zurückkehrt. Bei der Suche nach einem inspirierenden Ort für ihr Heim landet sie in Digne in der Provence, aber natürlich zieht es sie noch einmal hinaus. Sie geht auf die 70 zu, als sie mit Yongden, den sie inzwischen adoptiert hat, in der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking reist und danach wieder eine Zeit in Indien verbringt.

Ihr geben die Götter Zeit, viel Zeit. Yongden, der mehr als 30 Jahre jüngere Gefährte, stirbt nach vier gemeinsamen Jahrzehnten 1955, sie selbst wird 100 Jahre alt. Selbst im biblischen Alter steckt der Geist der jungen Ausreißerin in ihr. Noch wenige Wochen vor ihrem Tod beantragt sie einen neuen Reisepass. Für die letzte Wanderung ihres Lebens braucht sie ihn nicht; ein paar Jahre nach ihrem Tod wird Alexandra David-Néels Asche mit der von Yongden in den Ganges gestreut, den hei­ligen Fluss Indiens.

Daten und Fakten: Alexandra David-Néel

Geboren am 24. Oktober 1868 bei Paris, ergründet sie ihr Leben lang die Geheimnisse Asiens, verbringt viele Jahre unter härtesten Bedingungen als buddhistische Nonne in den Bergen Tibets und betritt als wohl erste Europäerin die verbotene Stadt Lhasa.

08.09.2012
Autor: Beate Hitzler
© outdoor
Ausgabe 03/2012