Gletscherschmelze 2011 in Österreich - die Gletscher schwinden schneller (+ Vergleichs-Bilder)


Zur Fotostrecke (10 Bilder)

Waxegg Kees in den Zillertaler Alpen, 20.8.2011
Foto: norbert-freudenthaler.com

 

Der Ochsentaler Gletscher in der Silvretta
Foto: H. Kinzl

 

Der Ochsentaler Gletscher in der Silvretta
Foto: G. Groß

 

Der Hallstätter Gletscher mit dem Hohen Dachstein um 1930 (Foto: Laternbildsammlung des Alpenverein-Museums)
Foto: Laternbildsammlung des Alpenvereins-Museums

 

Hallstätter Gletscher
Foto: M. Stocker-Waldhuber
Diese Bilder zeigen es deutlich: Die dramatische Gletscherschmelze in den österreichischen Alpen setzt sich fort und hat sich 2011 beschleunigt. Das teilt der Oesterreichische Alpenverein (OeAV) mit. Details und viele vergleichende Bilder der Gletscherschmelze gibt's hier.

Wie der Gletscherbericht des Alpenvereins 2010/2011 feststellt, habe das Jahr 2011 den österreichischen Gletschern stark zugesetzt. Die massive Gletscherschmelze setzt sich fort. 97 Prozent der Gletscher sind demnach im vergangenen Jahr zurückgeschmolzen. Kein einziger der 95 beobachteten Gletscher konnte 2011 einen Vorstoß verzeichnen. Bei 15 Gletschern wurden sogar Längenverluste von mehr als 30 Metern registriert.

Die 20 ehrenamtlichen Beobachter des Alpenvereins-Gletschermessdienstes bestätigen für das Berichtsjahr 2010/2011 die Fortsetzung Gletscherschmelze. Die Anzahl der Gletscher mit Rückzügen von mehr als 30 Metern hat sich in diesem Jahr beinahe verdoppelt: sie ist von acht auf 15 Gletscher gestiegen. Im Schnitt sind die Gletscherzungen um 17,2 Meter zurückgeschmolzen (im Vergleich zu -14,1 Metern im Vorjahr). "Die lange Schmelzdauer führte 2011 zu starken Rückgängen an den Zungen, die weit ins Tal reichen und so den hohen Temperaturen besonders ausgesetzt sind", begründet Dr. Andrea Fischer, Leiterin des Alpenverein-Gletschermessdienstes, die vielen großen Längenverluste.

Gletscherschmelze im Ötztal: Bis zu 64,5 Meter Längenverlust

Die massivste Gletscherschmelze wurde laut OeAV auf dem Firmisan Ferner im Ötztaler Niedertal gemessen, der um 64,5 Meter zurückgeschmolzen sei. Dieser Gletscher sei neu im Messprogramm und daher in den Durchschnittsberechnungen noch nicht berücksichtigt. Von jenen Fernern, die bereits seit Jahren beobachtet werden, sind laut OeAV Simony Kees (-56,0 m) und Viltragen Kees (-54,0 m) im Venedigergebiet am stärksten zurückgegangen. Das ebenfalls in der Venediger Gruppe gelegene Obersulzbach Kees (-50,5 m) und die im Ötztaler Rofental gelegenen Vernagt (-47,1 m) und Kesselwand Ferner (-43,8 m) gehören wie im Vorjahr zu den Gletschern mit den größten Rückgängen.

Zum extremen Gletscherschwund trugen nicht nur die hohen Temperaturen bei, sondern auch der geringe Eisnachschub von oben, berichtet der OeAV. Im Frühsommer 2011 war es deutlich wärmer als im langjährigen Mittel, was zu einer verfrühten Gletscherschmelze führte. Nährende Schneereserven waren in den Nordalpen kaum vorhanden. Auch der kühle Juli und die Schneefälle im September konnten die extrem warmen Spätsommermonate (3 °C über dem Durchschnitt) nicht mehr ausgleichen. "Gerade in den Monaten, in denen in guten Gletscherjahren noch deutlich Zuwächse der Schneedecke verzeichnet werden können, startete 2011 schon die Schmelzsaison", so Andrea Fischer.

Pasterze - prominentes Opfer der Gletscherschmelze

Beim wohl bekanntesten Gletscher Österreichs, der Pasterze, hat der OeAV einen noch stärkeren Rückgang als im Vorjahr gemessen. So ist die Gletscherzunge in der Großglocknergruppe um 40,3 Meter zurückgeschmolzen (-24,7 Meter im Vorjahr). Die Eisoberfläche sank um 4,4 Meter ein (1,4 Meter mehr als 2010), und auch die Fließgeschwindigkeit des Eises hat sich um etwa 0,8 Meter/Jahr verlangsamt. Erstmals war auch die Gletschermitte von Zerfallserscheinungen betroffen.

Aus der fortschreitenden Gletscherschmelze lassen sich laut Andrea Fischer trotzdem noch keine Katastrophenszenarien ablesen. "Die Veränderung unserer Gletscherlandschaft mag zwar derzeit beträchtlich sein, aus den gesammelten Werten lässt sich dennoch nicht ableiten, dass die Gletscher eines Tages vollständig verschwinden werden. Es ist gut möglich, dass sie nach dem Rückgang wieder in eine Balance finden und einen stabilen Zustand erreichen", so die Gletscherforscherin.

Angesichts der derzeitigen Rückzugsraten wird den ehrenamtlichen Beobachtern des Gletschermessdienstes die Arbeit zunehmend erschwert. "Durch die Rückzüge der Gletscher in steiles Felsgelände oder die Bildung von Seen gestalten sich die Messungen immer schwieriger. Oft befinden sich die Gletscherzungen auch unter einer dicken Schuttschicht", erklärt Fischer. "Die Gletschermessung ist eine sehr aufwändige und anstrengende Tätigkeit. Unseren Helfern möchten wir deshalb einen großen Dank aussprechen. Ohne ihren Einsatz wäre eine derart umfangreiche und wertvolle Dokumentation, wie sie der Alpenverein betreibt, schlicht und einfach unmöglich."

Gletschermessung seit 121 Jahren

"Seit bereits 121 Jahren führt der Alpenverein Messungen an Österreichs Gletschern durch. Damit verfügen wir über eine einzigartige Datensammlung, die es uns ermöglicht, einen Langzeitvergleich anzustellen und zukünftige Entwicklungen abzulesen", unterstreicht Alpenvereinsvizepräsident Walter Wegscheider die Bedeutung der Gletscherberichte. Das Gletschermessteam steht seit 2010 unter der Leitung von Dr. Andrea Fischer, tätig am Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck und am Institut für Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Zurzeit sind 20 ehrenamtliche 'Gletscherknechte' und zahlreiche Helfer für den Gletscherbericht im Einsatz.

Gletscherschmelze 2011: Die Top 15 des Gletscherschwundes in Österreich

Firmisan Ferner (Ötztaler Alpen) -64,5 m
Simony Kees (Venediger Gruppe) -56,0 m
Viltragen Kees (Venediger Gruppe) -54,0 m
Obersulzbach Kees (Venediger Gruppe) -50,5 m
Vernagt Ferner (Ötztaler Alpen) -47,1 m
Kesselwand Ferner (Ötztaler Alpen) -43,8 m
Pasterze (Glocknergruppe) -40,3 m
Untersulzbach Kees (Venediger Gruppe) -39,5 m
Diem Ferner (Ötztaler Alpen) -38,9 m
Gepatsch Ferner (Ötztaler Alpen) -38,3 m
Taschach Ferner (Ötztaler Alpen) -33,0 m
Alpeiner Ferner (Stubaier Alpen) -31,8 m
Umbal Kees (Venediger Gruppe) -31,4 m
Hochjoch Ferner (Ötztaler Alpen) -31,3 m
Schlaten Kees (Venediger Gruppe) -31,3 m



(Die Ergebnisse im Detail sind nachzulesen im Alpenvereinsmagazin des OeAV 'Bergauf' 2-12; Erscheinungstag 13. April)."

16.04.2012
Autor: Benedikter / Burmester
© outdoor