Dolomiten im National Geographic

Das Reich der Dolomiten sollte man meiden, "denn es gehört den Zwergen, Hexen und Sonnentöchtern..." der "National Geographic Deutschland' beschäftigt sich mit den Dolomiten.


OD 0909 Dolomiten
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Für viele die schönsten Berge der Welt - die Dolomiten in Südtirol.
Foto: (c) Günter Linder/www.PIXELIO.de

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Bergsteigen, Dolomiten

Dieser Text ist ein Auszug der Titelgeschichte des "National Geographic Deutschland", Ausgabe 3/2010

Das steinerne Herz der Welt -
Eine Reise in die Geschichte der Dolomiten
von Ulrich Ladurner

Wer diese Geschichte erzählt, muss zuerst von Fischen sprechen, von Muscheln und Kopffüßlern, die in einem Meer namens Tethys lebten, das einst große Teile des Erdballs umspannte. All dieses Getier fraß, schied aus, vermehrte sich und starb, milliardenfach, und schuf ganz nebenbei etwas, das der berühmte Schweizer Architekt Le Corbusier «die eindrucksvollsten Bauwerke der Welt» nannte: die Dolomiten.

Titanische Kräfte

Es dauerte 230 Millionen Jahre, bis dieses Wunder auf dem Meeresboden entstehen konnte. Und es bedurfte titanischer Kräfte, bis es sich aus den Wassern erhob. Vor rund 30 Millionen Jahren schob sich die Afrikanische Kontinentalplatte gegen die Europäische, unter dem gewaltigen Druck faltete sich die Erde auf, der Ozean verschwand bis auf wenige Reste im heutigen östlichen Mittelmeer.
Aus den Tiefen der Tethys tauchten Korallenriffe auf, ganze Welten voller Fossilien aus fernen, tropischen Gegenden. Erst vorigen Sommer fanden Geologen in fast 3000 Meter Höhe im Puez-Gestein die 120 Millionen Jahre alte Astgabel einer Araukarie - eines Nadelbaums, wie man ihn aus Südamerika kennt! So langsam die Riffe aus dem Meer aufstiegen, so jäh ragen ihre Reste heute vor dem Betrachter auf. Selbst wer sie schon hundertmal gesehen hat, wird immer wieder überrascht sein, wie sich die Dolomiten über grüne Almen erheben, wie sie aus dichten, dunklen Wäldern emporwachsen.

Der Pfarrer ward nie wieder gesehen

Bis vor zwei Jahrhunderten hat niemand diese Felstürme je erkundet und schon gar nicht erklettert. Die Menschen, die in dieser steilen Welt siedelten, hatten täglich damit zu tun, dem kargen Boden genug zum Leben abzugewinnen. Nichts war hier dem Menschen sicher. Ein Hang konnte ins Rutschen geraten, ein Sturzbach alles fortreißen. Dazu kam die ewige Einsamkeit. Wozu also sollten die Einheimischen auf die Berge steigen? Gar einen Gipfel erklimmen?

Es war sogar frevelhaft, die Türme und Spitzen dieses Reichs zu betreten. Die Menschen gingen in diesen Höhen auf die Jagd, doch das waren die einzigen, kurzen Exkursionen in eine unheimliche Welt. Im Jahr 1802 führte Don Giuseppe Terza, der Pfarrer von Ornella, eine Gruppe aus seiner Gemeinde auf den Gletscher der Marmolata: um die Schönheit der Natur zu würdigen und wohl auch bestrebt, seine Kräfte am höchsten, mit einem Eispanzer überzogenen Gipfel der Dolomiten zu messen. Der Pfarrer verschwand in einer Gletscherspalte und ward nie wieder gesehen. Sein Schicksal wirkte wie eine Mahnung: Dieses Reich sollte man lieber meiden! Denn es gehörte anderen Wesen, den Zwergen, Hexen und Sonnentöchtern. Dort oben lebten die Ganas, die Salwans und die Wiwenas. Trieben ihr Unwesen, flogen mit flammenden roten Haaren umher, tanzten und wirbelten wie wild im Kreis. Aus dem Wurzelwerk der Zirbeln, aus Felsspalten und Höhlen waren ihre Stimmen zu hören, ein Flüstern und Rascheln, ein Zischen und Fauchen, das jedem Vorbeigehen den kalten Schauer über den Rücken jagte.

"Eine köstliche Unterhaltung"

Wollte man einen Zeitpunkt benennen, an dem diese Berge aus dem Dunkel menschlichen Unwissens auftauchten, dann ist es das Jahr 1789. Damals kam ein französischer Wissenschaftler namens Déodat de Dolomieu in die Alpen. Dolomieu war ein Kind der Französischen Revolution, ein unermüdlicher Forscher und Abenteurer. „Jedes Jahr eilte ich zu einer Bergkette, stieg auf ihre Gipfel, um jene tiefen Eindrücke zu empfinden, die aus der Betrachtung des weiten Horizonts entstehen“, beschreibt er seinen Forscherdrang. „Wie ich so nach und nach höher stieg und meinen Gedanken immer weiteren Raum gab, verstärkte sich auch mein Weltbild: Mein Horizont stieß auf immer weniger Grenzen.“

Im Sommer 1789 wanderte Dolomieu kreuz und quer durch Tirol. Dabei fiel ihm immer wieder ein helles Mineral auf, das er richtigerweise für Kalkstein hielt. Er machte chemische Versuche, unter anderem begoss er es mit Säure, in der Erwartung, dass sich das Gestein aufschäumen würde. Doch die Aufschäumung war äußerst gering, und als er die Steine gegeneinander schlug, phosphoreszierten sie. Dolomieus Beobachtungen wurden im renommierten Journal de physique veröffentlicht und erregten die Aufmerksamkeit nicht nur der wissenschaftlichen Gemeinde, sondern auch vieler Amateure der Mineralienforschung. Ihm zu Ehren erhielt das neu bestimmte Gestein 1792 offiziell den Namen Dolomit. Damit hatte Dolomieu die Bleichen Berge für die Wissenschaft entdeckt - und sozusagen für alle Welt.

Der erste Erstürmer eines Dolomitengipfels war der Ire John Ball. Er bestieg 1857 den 3168 Meter hohen Monte Pelmo, der bis dahin - wie im Übrigen alle Gipfel der Dolomiten - als unbezwingbar galt. Tausend Meter ragt das steinerne, kantige Massiv des Pelmo aus dem Grün der Wälder in die Höhe. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um zu begreifen, welchen Mut dieser 39-Jährige gehabt haben muss. Er hatte zwar einen einheimischen Gemsjäger als Führer, doch der weigerte sich knapp unterhalb des Gipfels weiterzugehen. Ball kletterte allein weiter - bis er auf dem Berg stand, den der englische Schriftsteller S. H. Hamer als «mächtigen Monarchen» beschrieb: „Alle umliegenden Gipfel sind unter ihm, er duldet offenbar keine Rivalen.“

Während der erste Gipfelbezwinger John Ball als Naturforscher noch von seinem auch wissenschaftlichen Interesse in die Berge getrieben wurde, waren Männer wie der junge Münchner Georg Winkler auf Mutproben und Selbstverwirklichung aus. Gerade mal 17 Jahre alt, notierte er respektlos über den kleinsten, aber als «absolut unbesteiglich» geltenden Vajolet-Turm: „Die Ersteigung ist eine köstliche Unterhaltung, die keine Langeweile aufkommen lässt.“

Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte des National Geographic Deutschland 3/2010.
Foto: National Geographic

Jährlich Hunderttausende Touristen

Die Bergsteiger bildeten die Vorhut eines rasch entstehenden Tourismus, der für die Menschen in den Dolomiten auch die Chance barg, der Kargheit der eigenen Existenz zu entkommen. Denn die Gipfelstürmer engagierten Einheimische, um sich nach oben führen zu lassen. Je mehr Alpinisten anrückten, desto mehr Führer brauchte es, und bald wurde dies zu einem Beruf, der nicht nur Nebeneinkünfte ermöglichte.

Die Fremden, die fortan in die Dolomiten kamen, um Gipfel zu ersteigen, und die vielen anderen, die ihnen folgten, um zu wandern oder einfach nur den Anblick und die frische Luft zu genießen, brauchten auch Unterkünfte, Hotels, Gasthäuser, Transportmöglichkeiten. 1909 wurde die Dolomitenstraße eröffnet, die nun durchgehend Bozen und Cortina d'Ampezzo verband. Damit war die Ader geöffnet, die immer stärker Menschen und neue Möglichkeiten in die einstige Bergeinsamkeit brachte. Der Erste Weltkrieg war nur eine blutige, tragische Unterbrechung in der Geschichte des Aufstiegs der Dolomiten zu einem der beliebtesten Ferienziele Europas. Und spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg schufen die vormaligen Gastwirte und Bauern eine vorzügliche Infrastruktur, die in der Lage ist, jährlich Hunderttausende Touristen zu versorgen.

Angesichts dieser Zahlen mag es verwegen klingen, zu behaupten, dass die Dolomiten trotz des Massenansturms, dem sie heute ausgesetzt sind, ihre Faszination nicht verloren haben. Ja, die Menschen stauen sich, auf den Straßen, auf den Klettersteigen, manchmal auch in den Restaurants - doch ihnen lässt sich ausweichen, und mit Leichtigkeit kann man immer noch Wege, Pfade und Routen finden, auf denen eine Stille herrscht, dass man das Murmeln der Hexen hört, das Flüstern der Sonnentöchter, das Tuscheln der Zwerge. Für den, der sie hören will, sind die Fabelwesen alle noch da, verwunschen und allgegenwärtig wie eh und je.

Autor: National Geographic Deutschland 3/2010

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