Was Pfadfinder lernen

Voneinander lernen

Sich in unbekanntem Gelände mit Karte und Kompass zurechtfinden, das schwarze Pfadfinderzelt aufstellen lernen und selbst bei Nässe ein wärmendes Lagerfeuer entzünden können – Pfadfinder vermitteln Fertigkeiten für ein Leben in der Natur. In vielen Pfadfinderbünden dient dabei ein Proben- und Abzeichensystem als Hilfsmittel.

So auch im Pfadfinderbund Weltenbummler e.V. (PbW), dem der 13-jährige Johannes angehört. Kleine Aufgaben, wie das Erlernen von Knoten oder die Versorgung kleiner Wunden sollen ihn herausfordern, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Er soll ermutigt werden seine Kompetenzen zu erweitern und an sich selbst zu arbeiten. Anders als in Prüfungen in der Schule kann er bei den Proben nicht durchfallen. „Das Ablegen von Proben ist freiwillig. Und wer eine Aufgabe beim ersten Mal nicht schafft, versucht es mit der Hilfe des Gruppenführers nochmal“, sagt Ursula Bachmaier, Beauftragte für Ausbildung im PbW.

Voneinander lernen

„In der Schule bekommen wir vieles vom Lehrer beigebracht“, beklagt Johannes. „Bei den Pfadfindern lerne ich von mir selbst, bringe mir selbst etwas bei oder wir lernen in der Gruppe voneinander. Das macht viel mehr Spaß.“ Regelmäßig besucht er zwei ältere Gruppenführer, die gleich um die Ecke wohnen, lässt sich Weberknoten und Mastwurf zeigen oder von den Abenteuern des Gründers der Pfadfinder erzählen. Das Leben Robert Baden-Powells interessiert ihn. Er liest ein Buch um mehr zu erfahren. Für bewiesenes Können und Wissen erhält er eine Unterschrift in seinem Probenbuch. „Dieses kleine Erfolgserlebnis vermittelt den Kindern ein Kompetenzgefühl. Das stärkt ihr Selbstvertrauen“, erklärt die 26-jährige Ursula Bachmaier den pädagogischen Wert der Aufgaben. Selber ausprobieren, erfahren, was man kann, ist Programm bei den Pfadfindern. Das pädagogische Prinzip „Learning by Doing“ geht auf den Gründer der Pfadfinder zurück.

"Etwas von Heldentum"

Die Fähigkeiten, die sich Johannes bei den Pfadfindern angeeignet hat, möchte er nun nicht mehr missen. Wenn er mit seiner Gruppe unterwegs ist, kann er sie regelmäßig anwenden, zum Beispiel bei der Orientierung mit Karte und Kompass. Sich von einem GPS-Gerät den Weg weisen zu lassen, fände er dagegen langweilig. „Da würde die Pfadfinderidee verloren gehen“, erklärt er. „Das Schöne ist doch, dass wir an Wegkreuzungen immer wieder die Karte rauskramen und überlegen, wo wir sind und wo es weiter geht.“ Gemeinsam beraten, sich bei unterschiedlichen Meinungen zusammenraufen, gehört für ihn selbstverständlich zum Wandern dazu.

Das Attraktive an den Pfadfinderfertigkeiten sei, dass man etwas kann, dass andere nicht können, weiß Bachmaier. „Es hat etwas von Heldentum, unterwegs ohne moderne Technik auszukommen und nur auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen zu können. Das macht Abenteuer aus. Das macht die Pfadfinder aus“, meint sie. Dass diese Fähigkeiten bei den Kindern auf großes Interesse stoßen, merkt Bachmaier auch an dem Zulauf zu den offenen Ferienfreizeiten, die der Pfadfinderbund über sein Ferienwerk „Fahrten – Ferne – Abenteuer“ anbietet. „Unser Wilderness-Camp für 9 bis 13-Jährige ist regelmäßig ausgebucht“, berichtet Bachmaier. In dem Camp suchen die Kinder essbare Pflanzen und Beeren, lernen Spurenlesen oder sich im Wald ohne Hilfsmittel zu orientieren – 'Soft Survival' heißt das Lagerprogramm neudeutsch.

Foto: Martin Kliemank Pfadfinder

Lohn der Probenarbeit: Johannes bekommt sein Halstuch verliehen.

Sich etwas abverlangen

Johannes hat zuletzt Liedtexte gelernt. „Damit hab ich mich dann doch etwas schwer getan“, sagt er. Dass zur Bewältigung der Proben auch ein Stück Disziplin gehört, stört ihn jedoch nicht. „Nachdem man die Proben abgelegt hat, ist man ja erst so richtig Pfadfinder. Das Halstuch ist eine Art Geschenk von der Gruppe an mich. Da muss ich auch was dafür tun. Und wenn man sich dafür anstrengt, freut man sich auch viel mehr darauf.“ Auf dem gemeinsamen Lager der Wittichenauer Ortsgruppe hat er am klaren Nachthimmel eben noch die Sternzeichen gefunden, von denen er die Himmelsrichtungen ableiten kann. Damit erhielt er nach zwei Monaten intensiver Probenarbeit seine letzte Unterschrift.

Am Abend zieht er mit 40 Pfadfindern auf eine Waldlichtung. Fackeln erhellen den Kreis, den die Pfadfinder Hand in Hand gebildet haben. Als bei der Verleihfeier sein Name aufgerufen wird, ist das für ihn ein „Super-Gefühl“. Er bekommt das gewickelte Tuch um den Hemdkragen gelegt und spricht das Pfadfinderversprechen. „Meine Gruppenführerin Lisa hat gelobt, dass ich mich gut in die Sippe eingelebt habe und oft bei Gruppenstunden und Fahrten dabei bin. Da bin ich stolz drauf.“

19.05.2009
Autor: Martin Kliemank
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