Warum Wandern gesund ist

Sind wir überzivilisiert?

Je nach Stimmungslage sprechen uns unterschiedliche Landschaftstypen an. Doch es gibt auch universelle Vorlieben.

Naturliebe, so die Evolutionswissenschaftler, ist in unserer Spezies genetisch verankert. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es unter den Menschen unterschiedlicher Herkunft eine erstaunliche Übereinstimmung darüber gibt, was sie in der Natur als schön empfinden. Weltweit bevorzugen Menschen offene, savannenartige Landschaften, gerne mit einem Hügel oder einem See. Fast zwei Millionen Jahre lebte der Mensch in dieser Umgebung, das hat unser Gehirn geprägt. Seen boten unseren Vorfahren Fisch als Nahrung und Wasser zum Trinken. Ein Hügel ermöglicht es, die Landschaft zu überblicken und vorbeiziehende Herden oder sich nähernde Feinde frühzeitig zu erkennen. Tatsächlich folgen die beliebtesten Parks diesem Muster, so etwa der Englische Garten in München oder der Central Park in New York: offene Grasflächen, umsäumt von Baumoasen, mittendrin ein Gewässer.

Für jede Stimmung eine Landschaft

Doch genauso wie es für jede Krankheit eine andere Pille gibt, sind es auch unterschiedliche Landschaften, die uns je nach Stimmungslage ansprechen. Sind wir zum Beispiel depressiv, fühlen wir uns vermehrt zu Geländeformen hingezogen, die Schutz versprechen, wie etwa Höhlen, Bäume und Gebüsch, und vermeiden dagegen offene Flächen. Dies hat die Evolutionspsychologin Linda Mealey von der Universität Queensland herausgefunden.

Unsere Lebensweise ist wenig artgerecht

Wir haben viel getan, um uns unabhängig von der Natur zu machen. Autos transportieren uns von einem klimatisierten Gebäude zum nächsten, sodass wir die Landschaft nur noch durch die schützenden Scheiben unserer Wagen und Häuser wahrnehmen. Der Natursoziologe Rainer Brämer von der Universität Marburg glaubt, dass wir uns zu schnell und zu weit von unseren natürlichen Wurzeln entfernt haben: „Unsere überzivilisierte Lebensweise erweist sich aus ökologischer Sicht als wenig artgerecht, wofür wir – wie manche Tierarten – mit einer einseitigen Belastung unserer Psyche bezahlen.“ Ein Aufenthalt in der Natur ist also gewissermaßen eine Rückkehr auf Zeit zu unseren evolutionären Wurzeln. Brämer geht sogar so weit zu behaupten, dass die Natur uns gar nicht eigentlich gesund mache, sondern dass uns die Zivilisation vielmehr krank mache. Die Natur hat somit nur eine normalisierende Wirkung und führt uns zu unserem inneren Gleichgewicht zurück.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Psychologie Heute"

Literatur:

Andrea Abraham u. a.: Landschaft und Gesundheit. Das Potenzial einer Verbindung zweier Konzepte. Universität Bern 2007

Jolanda Maas u. a.: Green space, urbanity, and health: How strong is the relation? Journal of Epidemiology and Community Health, Bd. 60/7, 2006, 587–592

Linda Mealey u. a.: The relationship between mood and preferences among natural landscapes: An evolutionary perspective. Ethology and Sociobiology, Bd. 16/3, 1995, 247–256

E. Morita u. a.: Psychological effects of forest environments on healthy adults: Shinrin-yoku as a possible method of stress reduction. Public Health, Bd. 121/1, 2007, 54–63

William Bird: Natural thinking. Investigating the links between the natural environment, biodiversity and mental health. Royal Society for the Protection of Birds 2007

23.04.2009
Autor: Simone Einzmann
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