"Können & dürfen" - Im Gespräch mit Reinhold Messner

Reinhold Messner
Foto: Patrick Rosche (Illustration)
Seit Sommer 2015 steht Besuchern auf dem Südtiroler Kronplatz bei Bruneck das Messner Mountain Museum Corones offen. Von der Londoner Stararchitektin Zaha Hadid entworfen, widmet es sich dem traditionellen Alpinismus. outdoor sprach anlässlich der Eröffnung mit Reinhold Messner.

Was ist das Besondere am Messner Mountain Museum Corones?
Messner: Was mir wichtig ist und was ich in diesem Museum zur Perfektion gebracht habe, ist die Spiegelung von außen und innen. Die Berge spiegeln sich in der Ausstellung. Und von innen fällt der Blick hinaus auf die Berge. Das Gebirge spielt mit. Das hat die Architektin Zaha Hadid aufgenommen. Wenn man das Museum betritt, sieht man die Berge noch nicht, dann geht man die Treppen hinab und erkennt durch die großen Fenster zunächst nur das Tal, einen Weiler, Dörfer. Und je weiter man hinabsteigt, desto mehr kommen die Gipfel ins Sichtfeld. So, wie sich der Mensch die Berge erschlossen hat, erschließt sich der Besucher das Museum.

Das Museum Corones zeigt die Entwicklung des Bergsteigens. Welcher Aspekt war Ihnen dabei besonders wichtig?
Messner: Mir liegt meine Philosophie des Bergsteigens am Herzen, und ich bin ein traditioneller Alpinist. Es gibt viele verschiedene Richtungen des Bergsteigens, Hallenklettern, Sportklettern, Höhenbergsteigen, den Tourismus am Everest, alles legitim. Für mich aber ist Bergsteigen die Auseinandersetzung mit dem Berg in Eigenverantwortung. Der traditionelle Bergsteiger geht dorthin, wo die anderen nicht sind, wo keine Infrastrukturen sind. Dieses Museum zeigt Beispiele, aus den Dolomiten, wo ich groß geworden bin, bis zum K2.

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Messner Mountain Museum Corones
Foto: Patrick Rosche (Illustration)

Weitere Infos zum Messner Mountain Museum Corones finden Sie hier.

Wie sind Sie zu dieser Philosophie gekommen?
Messner: Ich bin in der Direttissima-Zeit groß geworden und habe gegen das technische Klettern angeschrieben, bin dagegen angeklettert. Ich war wohl der Erste in meiner Generation, der zum Standpunkt "Das Können ist des Dürfens Maß" zurückkam. Heißt: Wenn wir nicht bestimmte Technologien weglassen, wird das Bergsteigen banal. Dann gibt es das Unmögliche nicht mehr.

Woher stammen die Exponate im Museum?
Messner: Zu 99 Prozent gehören die Exponate mir, es sind aber viele Geschenke darunter. Meine Hakensammlung zum Beispiel habe ich zu 90 Prozent von Kletterern geschenkt bekommen. Die kommen und sagen dann: "Das ist der Haken des Erstbesteigers, den habe ich in der Wand gefunden, der war morsch, den schenke ich dir." Bei der übrigen Ausrüstung, vom Hut bis zum Helm, vom Pickel bis zum Eisgerät, habe ich eine große Sammlung übernommen, ein Geschenk des Südtirolers Hannsjörg Hagen. Die gesamte Sammlung hätte in das Gebäude nicht hineingepasst, ich habe etwa zehn Prozent davon rausnehmen dürfen. Man kann daran die Entwicklung der Ausrüstung von 1850 bis heute nachvollziehen.

Was war der ursprüngliche Auslöser für die sechs Messner Mountain Museen?
Messner: Die Geschichte beginnt eigentlich 1968. Damals erschien ein Artikel von mir: "Mord am Unmöglichen". Diesen Text hat eine alte Dame in Wien gelesen, und diese hat mir dann einen Brief geschrieben, krakelig, dass ich es kaum lesen konnte. In dem Brief stand, dass sie mein Artikel an ihre große Jugendliebe Paul Preuß erinnert habe. Ich habe dann mit ihr ein bisschen korrespondiert, und an ihrem Lebensende hat sie mir über einen Mittelsmann den Kletterhammer von Paul Preuß geschenkt.

Paul Preuß (Anm. d. R.: einer der Väter des Freiklettergedankens, 1886–1913) hat strenge Regeln aufgestellt und Mauerhaken nur im Notfall gesetzt. Der Hammer dürfte noch ziemlich neu aussehen ...
Messner: Ich habe mir gedacht: Lieber Pauli (so hat die alte Dame ihn genannt), du durftest eigentlich gar keinen Hammer haben! Er hat im Leben nur zwei Haken geschlagen. Einen besitze ich, den hat mir Albert Precht zu meinem 70. Geburtstag geschenkt (Anm. d. Redaktion: österreichischer Kletterer, 2015 tödlich verunglückt). Jedenfalls hat es mir die Dame zur Auflage gemacht, den Hammer in meinem Testament einem anderen gleichgesinnten Bergsteiger weiterzugeben oder ihn öffentlich zugänglich zu machen. Dieser Hammer lag nun in meinem Keller, immer mit dem Stachel: Du darfst es nicht vergessen, du hast eine Verpflichtung! Mit 50 habe ich um diesen Hammer herum ein erstes kleines Museum eröffnet, die "Alpine Curiosa" in Sulden. Ich habe da weitere solcher Schlüsselgeschichten gesammelt, wie den Eispickel von Toni Egger am Cerro Torre oder das Hermann-Buhl-Seil von der Badile. Den Preuß-Hammer kann man sich nun im MMM Corones anschauen.

Wie wichtig ist Ihnen die Architektur der Museen?
Messner: Sehr wichtig. Wenn jemand eines meiner Museeum gesehen hat und denkt, das zweite ist ähnlich, hat er sich getäuscht. Und wenn jemand fünf Museen gesehen hat und denkt, jetzt weiß ich, wie Messner tickt, hat er sich wieder getäuscht. In drei Museen sind wir in alten Häusern, da gibt es viele Vorgaben, deshalb konnten die Architekten dort nicht so etwas machen wie Zaha Hadid am Kronplatz. Aber grade auf Schloss Sigmundskron in Bozen ist die Architektur unglaublich stark.

Fotostrecke: Messner-Museum Corones - Bilder von der Eröffnung

10 Bilder
MMM Corones Kronplatz Foto: MMM Corones | wisthaler.com
MMM Corones Kronplatz Foto: MMM Corones | wisthaler.com
MMM Corones Kronplatz Foto: MMM Corones | wisthaler.com

Vier der Museen sind in Burgen und Festungen untergebracht, ist das Teil der Philosophie oder Pragmatismus?
Messner: Das ist Teil der Philosophie. Wir heutigen Menschen müssen aufpassen, was wir mit den alten, kulturhistorischen Objekten tun. Ich bin der Meinung, wir sollten ihnen neue Inhalte geben, ihnen damit neuen Sinn einhauchen. Das durfte ich viermal machen, ein Objekt dabei ist meine Wohnburg. Wenn wir aber etwas Neues bauen, sollten wir es so tun, dass es die Landschaft nicht verstellt. Deswegen mein radikaler Zugang: entweder unterirdisch oder alte Gebäude. Letztere müssen oben bleiben, ich will sie ja nicht vernichten. Es gilt Räume so zu gestalten, dass wir sie immer wieder mit neuen Inhalten bespielen können.

Ist da der Denkmalschutz nicht eher hinderlich?
Messner: Bei geschützten Objekten sagt das Denkmalamt, bis hierher und nicht weiter. Es hat dabei die erste Stimme. Ich versuche trotzdem, mit den Architekten so kreativ wie möglich sein zu dürfen, um dem Ganzen auch neue Inhalte zumuten zu können. Wenn ich keine Begehbarkeit schaffe, kann ich kein Museum machen. Und gerade in dieser Hinsicht ist Sigmundskron für mich das stärkste Museum von allen, weil es ein vielschichtiges Flair hat. Die Ruine ist heute neu bespielt.

Welche Hindernisse gibt es bei einem so großen Projekt?
Messner: Sigmundskron bedeutete für mich fünf Jahre Kampf. Nicht mit dem Denkmalamt, sondern mit lokalen Medien und Politikern. Am Ende – der Landeshauptmann hatte sich auf meine Seite gestellt – ist es gelungen. "Lasst ihn machen, er kann das", war sein Rat. Die anderen wollten das alles verhindern, aus Neid oder anderen Gründen. Wie viele mein Leben verhindern wollten, weil sie nicht wollten, dass jemand in Eigenregie, ohne Kontrolle sein Leben lebt. Selbstbestimmt. Ich lasse mir von niemandem sagen, wie ich mein Leben zu leben habe. Weder vom Papst, noch vom Kanzler, noch vom Ministerpräsidenten.

Um noch mal auf den "Mord am Unmöglichen" zurückzukommen: Wie sehen Sie das Revival der Klettersteige in den Alpen?
Messner: Wir haben das Problem mit den vielen Toten in den Klettersteigen, weil wir viele Leute anlocken, die es nicht können. Das war vorauszusehen! Ich wusste es immer schon, dass durch die Mode zu viele Leute hinaufgehen, die es nicht können, und einige davon fallen dann runter.

Andererseits haben die Menschen ein Bedürfnis nach sicheren Unternehmungen, sehen Sie da einen Ausweg?
Messner: Das Beste ist, die Berge über 2400 Meter Höhe zu lassen, wie sie immer waren. Dann geht jeder dorthin, wo er sich hintraut, wo er es kann. So passiert am wenigsten. Die Modewege entlang einer Sicherungskette beweisen im Grunde nur, dass die Leute nicht sicher sind. "Das Können ist des Dürfens Maß", steht im neuen Museum ganz groß an der Wand. Ein Spruch von Paul Preuß. Ich darf nur das machen, was ich auch kann. Aber viel zu viele werden von DAV, Zeitschriften und Freunden verkehrt gelockt: "Im Klettersteig kann nichts passieren." Aber ich brauche nur fünf Meter tief in die Karabiner reinknallen und mit dem Kopf an die Wand schlagen, dann bin ich tot.

"Ein GPS-Gerät beim Wandern im Gebirge wäre mir peinlich." - Im Gespräch mit Reinhold Messner

Wandern ist eine sanftere Art, in die Berge zu gehen. Sehen Sie den Boom, der gerade stattfindet, eher als Problem oder eher als Chance?
Messner: Wandern ist die sauberste Art, im Gebirge unterwegs zu sein. Man bewegt sich mit der Geschwindigkeit des Fußgängers, hat damit die Augen, die Ohren und die Nase, um die unmittelbare Umgebung zu erfassen. Im Hubschrauber sehe ich das alles nicht. Außerdem habe ich beim Wandern sofort in den Beinen, ob ich noch weitergehen kann oder nicht. Und die Wanderwege sind so angelegt, dass ich nicht runterfallen kann. Bis 2400 Meter Höhe bin ich mit Infrastrukturen vollkommen einverstanden. Diese gibt es schon seit Ötzis Zeiten.

Wandern oder klettern Sie mehr?
Messner: Ich wandere viel. Ich gehe auch klettern, aber ich wandere mehr und mehr, weil ich zum Klettern weniger und weniger fähig bin.

Mit Rucksack und Isomatte oder mit Gepäcktransport?
Messner: Meistens gehe ich mit meinen Kindern irgendwohin, wo ich noch nicht war. Große Wanderungen mache ich nur in großen Gebirgen. Und mit Isomatte übernachten ist heutzutage nicht mehr so umweltverträglich: Toiletten fehlen, es wird bei großen Zahlen alles versaut. Ich habe vor, eine Wanderung zu erfinden, durch das Herz der Dolomiten, von Bruneck rauf auf den Kronplatz und dann über die Sennes und die Fanes zum Valparolapass und über den Pelmo bis zum Monte Rite, sodass man von Bruneck in drei bis vier Tagen von Hütte zu Hütte zum Monte Rite kommt. Dann fährt man mit dem Bus wieder zurück. Eine Fünftagestour, drei bis vier Tage wandern, anreisen, abreisen.

Karte oder GPS für Sie?
Messner: In Patagonien und auf Grönland haben wir GPS gehabt, in der Antarktis gab es das noch nicht. Ein GPS-Gerät beim Wandern im Gebirge wäre mir peinlich. Ich gehe ohne Karte und GPS. Im Grunde gehe ich nur so durch die Gegend. Ich sehe immer in der Landschaft, wo es weitergeht. Ein Fremder, der sich hier nicht auskennt, braucht irgendwas und im Nebel ist das GPS-Gerät natürlich eine Hilfe.

Sie sind nicht nur Bergsteiger, sondern auch Autor, bei Wikipedia zählt man über 90 Publikationen von Ihnen ...
Messner: ... es sind knapp über 50. Jeder, dem ich ein Vorwort geschrieben habe, versucht sein Buch mit "Messner" zu vermarkten. Ich schreibe keine Vorworte mehr. Meine Großzügigkeit hat Grenzen.

Was hat Sie mehr Selbstdisziplin gekostet, Ihre Touren oder Ihre Bücher?
Messner: Schreiben ist die härteste Arbeit, die ich kenne, und die am schlechtesten bezahlte. Vorträge sind die Basis, um Reisen zu finanzieren. Holzhacken bringt mehr ein als Bücher schreiben. Man muss auch dabei konzentriert sein, um sich nicht die Finger abzuhacken, wer aber vom Schreiben leben kann, hat meinen ganzen Respekt. Es wird mit Büchern aber immer schwieriger.

Sie sind jetzt 70, man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass Sie sich jetzt zur Ruhe setzen ...
Messner: Ja, ich ziehe mich mehr und mehr zurück, antworte nur noch auf Anfragen. In meinem Alter brauche ich größere Rückzugsräume, um weiter produktiv sein zu können.

Haben Sie schon neue Ideen?
Messner: Im Moment muss ich noch diesem Museum auf die Beine helfen. Aber das Projekt fließt bereits harmonisch in ein anderes. Wir werden im nächsten Jahr fünf Filme drehen für die Museen. Um überall eine Zusammenfassung zu zeigen. Wir haben in Zukunft auch vier Kinos, um mit dem bewegten Bild Geschichten zu erzählen. Die Filme dazu werde ich selber machen. Danach möchte ich diese Erzählform weiter verfolgen.

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23 Bilder
"Messner" - neuer Kinofilm über den Bergsteiger Reinhold Messner Foto: Movienet Film GmbH
Rüdiger Nehberg - ein Leben für Abenteuer und Menschenrechte Foto: www.target-human-rights.com
Cecile Skog Foto: Eirik Knudsen/Bergans
17.11.2015
Autor: Alex Krapp
© outdoor
Ausgabe 11/2015