TV-Star Wigald Boning: "Zelten ist eine kreative Tätigkeit"

outdoor Interview Wigald Boning
Foto: Wigald Boning
200 Nächte verbrachte der Comedian im Zelt. Während dieser Zeit schlief Wigald Boning auch unter freiem Himmel, auf Parkbänken oder in Lichtschächten. Doch wie kam es eigentlich dazu? Das und noch viel mehr erzählt er uns im Interview:
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Boning: Angefangen hat alles mit der Hitzewelle im letzten Jahr, da wurde es im Bett zu unangenehm. Nun habe ich eine Wohnung in der Münchener Innenstadt, von dort kommt man recht gut zur Isar. Also dachte ich: »Dann übernachtest du mal an deren Gestaden.« Ich hatte das Glück, gleich eine Kiesinsel zu finden. Und dieser Traum von der eigenen Insel, der ja viele Menschen bewegt, brachte mich schon in der ersten Nacht dazu, es toll zu finden. »Das machst du jetzt mal so lange, wie es irgend geht«, dachte ich mir. Die Idee, den Winter durch zu zelten, kam dann nach ein paar Tagen auch recht schnell.

 

outdoor Interview Wigald Boning
Foto: outdoor / Wigald Boning outdoor traf Wigald Boning an der Eisbachwelle in München

Was gefällt dir so gut am Zelten?

Boning: Die Geräuschwelt. Ich bin ja dauernd woanders. Außerdem kann man sich ja immer einen Bauplatz aussuchen, das ist eine kreative Tätigkeit. Ich positioniere mein Zelt, achte auf die Blickrichtung durch den Eingang, und wenn ich aufstehe, dann sehe ich dieses oder jenes. Selbst wenn es ganz bescheidene Blicke sind, ist es doch jeden Morgen etwas Neues. Hinzu kommt eine gewisse Freude am einfachen Leben. Es ist ja auch etwas Feines, wenn man feststellt, dass man auch ohne Heizung durch den Winter kommt. Außerdem trägt man seinen ganzen Hausstand mit sich herum, das gibt einem ein Gefühl von Autarkie.

Der griechische Philosoph Diogenes sagte: »Es ist göttlich, nichts zu bedürfen, und gottähnlich, nur wenig nötig zu haben.« Bist du in diesem Sinne größenwahnsinnig geworden?

Boning: Diogenes war, glaube ich, kein humorvoller Mensch. Er zog aber einen großen Stolz aus dem einfachen Leben. Schon sein Lehrer, Antisthenes, besaß neben seinem Stock und einer Tasche lediglich einen besonders langen Mantel, den man unten umschlagen konnte, sodass er als Schlafsack diente. Man kann diesen Kyniker also als Erfinder des Trekkings bezeichnen. Und natürlich ist das mit einem gewissen Größenwahn verbunden, wenn man so lebt, wenn man sich einbildet, eine Art Avantgarde zu sein. Aber bestimmte Grundbedürfnisse bleiben ja bestehen, etwa das nach Wärme. Mit einem guten Schlafsack kein Problem, wenn du den in unseren Gefilden aber nicht hast, wird die Sache gleich kompliziert.

Was sagte deine Familie dazu?

Boning: Die fanden es anfangs völlig bescheuert. Am heftigsten reagierte einer meiner Söhne, der meinte, das sei eine Form von Dekadenz. Also ähnlich wie Marie Antoinette, die französische Königin, die sich in den Schlosspark von Versailles einen Bauernhof bauen ließ, um dort mit ihren Freundinnen das einfache Leben zu spielen. Heute eine Riesensehenswürdigkeit: »Le Hameau de la reine«.

 

Foto: Wigald Boning

Hier und da sind dir ähnliche Vorwürfe gemacht worden. Etwa, Zelten in Zeiten von Hungerkrisen und Flüchtlingsströmen sei zynisch.

Boning: Den Vorwurf hörte ich häufiger, aber wenn man das konsequent weiterdenkt, müsste man ja auch sagen: Wenn Hungerkrisen in Afrika sind, hat das zur Folge, dass wir uns alle überfressen sollten. Mein Experiment hatte durchaus auch lehrreiche Aspekte. Ich habe jetzt höchsten Respekt vor Völkern, die nomadisch leben. Beispielsweise Sinti und Roma. Aus eigenem Erleben kann man bestimmte Traditionen viel besser verstehen. Sinti zum Beispiel ziehen nicht mehr um, wenn jemand im Sterben liegt. Dadurch gerieten sie dann oft in Konflikt mit Gemeinden, die sagen, so, ihr müsst jetzt aber hier weg. So ein Auf- und Abbau ist natürlich Stress. Wenn du das mal zwei Wochen lang machst, ist das alles easy, aber irgendwann liegen die Nerven blank.

Wie kam die Aktion generell an?

Boning: Einige Reaktionen waren ganz lustig. Fernsehsender zum Beispiel neigen dazu, ihre Promis immer sehr gut unterzubringen, da wird vorausgesetzt, dass man selbstverständlich in einem teuren Hotel wohnt. Wenn man dann sagt: »Ich brauch das jetzt nicht, aber ihr könntet mir einen Gefallen tun, wenn ihr mir einen Zeltplatz zur Verfügung stellt oder wenigstens zwei Quadratmeter Rasenfläche«, dann überfordert das manche Produktionsfirmen. Manchmal bekommst du auch einen Praktikanten zur Seite, der den Auftrag hat, dir zu helfen, das Zelt aufzubauen.

Was war die schlimmste Nacht?

Boning: Es gab einige schwere Nächte, die schlimmste war eine in Köln. Ich war bei der Schlafplatzsuche in einen Starkregen geraten. Alles komplett nass, auch der Schlafsack. Mit dem habe ich mich dann in einen atmungsinaktiven alten Biwaksack reingelegt. Das war sehr klamm und fühlte sich sehr ungemütlich an.

Du hast im Park übernachtet?

Boning: Eigentlich wollte ich unter der Mühlheimer Brücke schlafen, da waren auch noch freie Plätze, aber die Obdachlosen haben niemanden mehr reingelassen. Nachdem sie mich verscheucht hatten, bin ich raus in den Regen und habe mich dann auf die Parkbank gelegt.

Hattest du da keine Angst?

Boning: Ich bin nicht so ein ängstlicher Typ, was das angeht. An Stellen, an denen man nicht direkt gesehen wird, kann man auch in der Großstadt schlafen. Also Jungfernheide am Flughafen Tegel in Berlin zum Beispiel, da gibt es viel Unterholz, in das man sich legen kann, am besten ohne Zelt. Bei gutem Wetter kein Problem, da kommt schon keiner.

Und die schönste Übernachtung?

Boning: Das war die Krinnenspitze im Tannheimer Tal, sie wurde mir als perfekter Zeltberg empfohlen. Eigentlich ein spitzer, hochalpiner Aufbau, aber direkt unterm Gipfelkreuz gibt es dann doch vier Quadratmeter Zeltwiese. Das war an einem nebeligen Tag, ich habe die Alpendohlen gefüttert und ansonsten in den Dunst geguckt, und am nächsten Morgen erwachte ich über dem Wolkenmeer. Das ist großartig; man macht die Zeltluke auf, traut seinen Augen nicht und frohlockt.

Warst du auch schon vorher auf Outdoor-Touren unterwegs?

Boning: Ja. Grundsätzlich ist das nicht neu für mich, ich mache viele Fahrradtouren und habe auch schon manches Mal im Iglu übernachtet. Aber meistens nur für eine Nacht. Für mich war jetzt neu, das mal komplett durchzustudieren, so am Stück.

Schläfst du draußen durch?

Boning: Das ist unterschiedlich, kommt auf Tagesform und auf die Schlafstatt an. Im Hochgebirge kann es zum Beispiel total leise sein, neulich biwakierte ich aber am Herzogstand, der Pavillon war leider voll, und ich habe mich direkt unter das Gipfelkreuz gelegt. Es stürmte heftig. Das Gipfelkreuz ist mit vier Stahltrossen befestigt, und die wirken dann wie Flötenmundstücke. Das war ein vierstimmiger Flötenakkord, die ganze Nacht!

 

Foto: Wigald Boning

Welches Zelt hast du während der Aktion benutzt?

Boning: Bei Winterbedingungen Hilleberg Akto, ansonsten Vaude Taurus, was ja auch für zwei Personen taugt. Die haben beide ihre Berechtigung. Das Vaude ist windanfälliger, wenn es richtig stürmt, reißen die Heringe raus, das Hilleberg ist kleiner, aber windstabiler.

Zuweilen hast du auch mit Schaschlikspießen abgespannt ...

Boning: Es ging um eine Übernachtung auf der Dachterrasse eines Krankenhauses in Berlin. Ich durfte dort eine ganze Woche zelten, was ich total klasse fand, und die Terrasse war auch toll. Der ganze Trakt des Hospitals war menschenleer, da er saniert wurde. Das war so ähnlich wie in dem Horrorfilm Shining, was mir gut gefiel. Aber auf der Terrasse lagen Gehwegplatten mit engen Fugen - da kommt man mit normalen Zeltheringen nicht weiter. Schaschlikspieße haben genau gepasst.

Die hattest du aus der Kantine?

Boning: Nein, die hatte ich mir gekauft. Überhaupt: man kann ja unglaublich viel Geld ausgeben für Zeltausrüstung – von wegen Askese! Das einfache Leben kann ganz schön ins Geld gehen.

Warst du oft im Outdoor-Laden?

Boning: Es wurde mit der Zeit immer mehr Ausrüstung. Vieles davon war total überflüssig. Ich habe mir gedacht: »Du kannst jetzt zwei Wege beschreiten: Entweder du reduzierst das jetzt komplett «, dann hätte man aber auch weitergehen müssen und die Isomatte durch einen Pappkarton ersetzen, »oder du machst das wie mancher Kollege das so macht und holst dir etwas aus der Industrie umsonst und schreibst dann darüber.« Ich wollte aber ganz unabhängig urteilen, und das geht immer noch am besten, wenn du es selber bezahlst. Von daher habe ich jetzt ein kleines Minus, aber ich habe meinen ganzen Kram noch lebenslang, ich muss jetzt nichts mehr dazu kaufen.

Wie viel Gepäck hast du im Schnitt mit dir rumgetragen?

Boning: Ich hab immer einen großen Rucksack voll, um die 15 Kilo.

Bist du während dieser Zeit einmal krank geworden?

Boning: Ich hatte längere Zeit eine Erkältung, die aber genauso lange dauerte wie eine Erkältung im Haus auch. Es stand nie zur Debatte, das Experiment zu unterbrechen; das war nicht nötig. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie krank man denn werden muss, bis man tatsächlich nicht mehr im Zelt schlafen kann, aber die Unterschiede sind nicht so groß. Du kannst auch mit Fieber im Schlafsack liegen, fühlt sich blöd an, aber das tut es im Bett ja auch.

Es gab also gar keine Probleme?

Boning: Für mich war das Hauptproblem die Logistik, diese andauernde Schlepperei. Der ganze Kleinkram, bei dem ich immer dachte: »Ich habe viel zu viel dabei, ich muss mehr reduzieren. « Aber dann fehlte auch immer etwas Wichtiges: Reichweitenverlängerer, Kabelbinder, die ganz praktisch gewesen wären, oder die Schaschlikspieße lagen zu Hause und dann gab es nur diese dünnen Fugen zwischen komischen Platten. Mit diesen Dingen fühlte ich mich eigentlich die ganzen Monate latent überfordert.

Was hast du an Elektronik mit dir rumgeschleppt?

Boning: Das habe ich am Ende total reduziert, weil die Akkus sowieso immer leer waren, wenn es darauf ankam. Ich hab ja abends immer auf dem Handy die Facebook-Posts getippt, und das geht natürlich auf die Akkus. Mittlerweile gibt es größere Speicher, das war schlechtes Timing. Jetzt hätte ich einen Akku, mit dem man das noch mal ganz anders durchführen kann. Irgendwann befand ich mich in einem regelrechten Reduktionsrausch und habe sogar mein Auto abgegeben. Beim Zelten übrigens auch, da habe ich dann auf der dünnen Isomatte übernachtet. Und dachte, toll, jetzt härtest du dich einfach so lange ab, bis du gar keine Isomatte mehr brauchst, da kriegte ich dann aber auch den Schnupfen.

In einem der Posts beschreibst du die Nähte deines Zeltes ...

Boning: Dein Zelt ist ja irgendwann dein Zuhause, und sein Zuhause guckt man sich ja auch an. Gar so viel gibt es in einem Einmannzelt aber nicht zu sehen, außer, wenn du das Zelt mit Schnickschnack vollstopfst - auch ein Gedankengang, den ich mal hatte: »Du kannst dir jetzt eine Zeltausstattung aus Kunstwerken zusammenbauen und hier noch was aufhängen und da ein kleines Bildchen mit einem Minibilderrahmen.« Aber das waren alles Irrwege. Der Zierrat ging mir ein paar Tage später stark auf den Wecker, da man alles mit sich rumschleppen muss . Auch eine Zeltbibliothek hielt ich für eine tolle Idee, aber eben praxisfern.

Nach 204 Tagen hast du den Versuch beendet. Wurde es zu viel Camping oder zu viel Facebook?

Boning: Zu viel Facebook. Ich will nicht sagen »Stressfaktor«, aber das Tagebuch wurde dann doch zu viel. Einerseits war es eine feine Idee, weil ich gut drüber schreiben konnte, andererseits hat es zu viel Zeit gefressen. Ich finde es immer interessant, über Experimente zu schreiben. Es gab dann aber irgendwann nicht mehr so viel Neues. Mittlerweile hätte ich wieder genug Stoff.

War das Thema für dich auch als Humorist ergiebig?

Boning: Für mich war das sehr ergiebig, aber nicht unter humoristischen Gesichtspunkten, eher unter dem Gesichtspunkt: Wie kann man das Leben einerseits einfacher machen, andererseits auch viel komplizierter werden lassen. Aber humoristisch? Man hat ja gar nicht so viel Kontakt mit anderen Menschen. »Campingplatz« ist natürlich was anderes, da gibt es humoristisches Potenzial.

Inwiefern?

Boning: Diese Menschentypen, die man da so kennenlernt. Man ist ja als Einmannzelter ganz unten in der Campingplatz-Hierarchie. Oben sind die Leute mit den großen Wohnmobilen, die zuerst mal eine ganze Lounge an Möbeln einrichten und vor dem Truck positionieren, mit großen Satellitenempfangsanlagen auf dem Dach. Als Nächstes kommen die normalen Wohnmobile, das ist auch schon die bessere Gesellschaft, dann die herkömmlichen alten Wohnwagen mit Vorzelt womöglich, das ist dann der Mittelstand, da herrscht dann auch das klassische Familienbild vor mit einer Mutter, die Koteletts brät. Dann kommen auf der Zeltwiese die Zelter, und erst ganz am Ende dieser sozialen Schichtung sind die Einmannzelter, die sind nicht nur arm, sondern auch einsam, die Paria, zu denen gehörte ich. Da gibt es wenig Kommunikation zwischen diesen Schichten. Ich habe mich einmal mit einem Wohnwagenbesitzer unterhalten, der kam zu mir hin, ich habe nicht erkannt, wie er aussah, der kam nachts zum Rauchen raus, ich sah immer nur die Glut, und er fragte: »Und da wohnen Sie ganz alleine?« Ich sagte: »Ja.« Und er: »Ist das nicht unbequem? « Und ich sagte: »Kommt drauf an, was man im Zelt so macht.« Er antwortete: »Aha.« Das war dann der ganze Dialog.

Nett

Boning: Ja genau.

Mehr über Wigald Bonings Zelt-Abenteuer lest ihr auch in seinem neuen Buch

Im Zelt: Von einem, der auszog, um draußen zu schlafen
Taschenbuch, 10,99 Euro.

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02.12.2016
Autor: Alex Krapp
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Ausgabe 01, 10/2017, 2016