Interview mit Peter Schlickenrieder

"Schnee strahlt Zufriedenheit aus"

Foto: Bela Raba
Peter Schlickenrieder, Silbermedaillen-Gewinner von Salt Lake City im Langlauf-Sprint, ist als Vize-Präsident des Deutschen Skiverbandes, Vorsitzender der Freunde des Skisports/ DSV aktiv und ARD-Langlauf-Experte dem Skisport auch heute noch sehr eng verbunden – weiß aber auch die genussvollen Seiten des Winters zu schätzen

Herr Schlickenrieder, was waren als Kind die ersten Gedanken, wenn der erste Schnee des Winters fiel? Und welche Gedanken treiben Sie heute beim ersten Schneefall um?

Schlickenrieder: Ich würde es als „frohlocken“ bezeichnen ... Wenn der Herbst Einzug gehalten hat, dann stellt sich bei mir die Vorfreude auf den Winter ein, ich sehne den Schnee regelrecht herbei. Meine Freude über den ersten Schnee hat übrigens im Laufe der Jahre zugenommen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Kind schon im Herbst das „Fiebern“ angefangen habe. Das ist erst im Laufe meines Lebens gekommen, mit dem Entdecken der unterschiedlichsten Spielformen im Schnee habe ich immer mehr Spaß am Wintersport entwickelt. Früher gab es klassisch langlaufen und Ski Alpin, aber wenige Spielformen dazwischen. Das Skitourengehen beispielsweise ist mir als Jugendlicher eher schwer gefallen, weil das Material so schwer war. Aber mit der Materialentwicklung in den vergangenen Jahren hat sich eine ganze Bandbreite an neuen Wintersportarten aufgetan.

Jetzt sind Sie ja nicht nur im Winter draußen, sondern das ganze Jahr über. Woher kommt diese extreme Naturverbundenheit?

Schlickenrieder: Ich glaube, dass diese Naturverbundenheit eigentlich jeder in sich trägt. Man muss sie nur zutage fördern. Gerade wenn man älter wird, der Alltagsstress und die Belastungen im Beruf zunehmen, stellt die Natur eine Art Tür zum Durchatmen und Energieaufladen dar. Dieses erspüren, was einem wirklich wichtig ist im Leben, nicht immer höher, weiter, schneller, sondern auch mal einfach draußen sein, sich gleich- mäßig bewegen, ja, fast ein bisschen meditieren. Das ist für mich die Ausdauerbewegung, in welcher Intensität auch immer, die, in Kombination mit der Natur, einen Erholungseffekt ergibt. Je mehr man draußen unterwegs ist, umso größer wird die Naturverbundenheit.

Foto: Bela Raba Interview mit Peter Schlickenrieder

Es muss also nicht grundsätzlich immer Extrem- oder Leistungssport sein, wenn man sich in der Natur bewegt?

Schlickenrieder: Absolut nicht. Ich glaube sogar, dass der Fokus auf die Leistung manchmal den Blick eher versperrt für das Schöne, für das, was mir eigentlich die Energie gibt. Grundsätzlich können mich selbst gesteckte sportliche Ziele leichter motivieren, und wenn ich dann mal draußen bin, dann ist es ja auch meistens schön. Aber diese Überwindung zu sagen: jetzt bleibt der Arbeitshaufen liegen, jetzt gehe ich erst einmal eine Stunde raus, mache was für mich, bewege mich draußen, dafür kann so ein Leistungsziel eine gute Motivation sein. Der Genuss stellt sich dann von selbst ein.

In unserer Kindheit waren Ski Langlauf, Ski Alpin und Rodeln die wichtigsten Bewegungsformen im Schnee. Heute ist das Angebot viel breiter. Für Sie eine positive Entwicklung, oder kommt dem Skisport so der Nachwuchs abhanden?

Schlickenrieder: Ich denke nicht, dass es die Angebotspalette schwieriger macht, sondern eher die Beschallungen von allen Seiten, sprich Internet, Online-Gaming, Social Media – hier sehe ich die größeren Schwierigkeiten, die Kids nach draußen zu bekommen. Alle Kinder, die den Weg in den Wintersport gefunden haben, egal in welcher Spielart, bei denen wird es zum Automatismus, sie gehen von selber raus, haben Spaß dabei und entdecken da ihre Freunde, mit denen sie gerne zusammen „abhängen“ bzw. „sporteln“. Ich denke, der grundsätzliche Schritt ein Kind zum Wintersport, zum Sport generell zu bringen, ist schwieriger geworden, weil es oftmals einfacher ist, das Kind vors iPad zu setzen und spielen zu las- sen während ich meinen Job erledigen kann. Die Eltern und die Übungsleiter sind viel mehr gefordert als früher, um den Spaß am Sport generell, und auch am Wintersport zu vermitteln. Wenn man die Kids mal dafür begeistert hat, dann wird’s ein Selbstläufer und es geht ihnen ähnlich wie uns allen, dass sich, auch im Hinblick auf das breite Angebot, eher ein gesundes Suchtpotenzial entwickelt, wo man noch mehr draußen unterwegs sein will.

Foto: Bela Raba Interview mit Peter Schlickenrieder

Welche Aufgabe ist aus Ihrer Sicht der größere Kraftakt, Kin- der und Jugendliche für die Bewegung im Schnee zu begeistern, oder die älteren Semester im Wintersport zu halten?

Schlickenrieder: Ich denke, dass die Großeltern zukünftig eine noch viel wichtigere Rolle spielen werden, die Kids mitzunehmen, weil die Belastungen für die Eltern noch größer werden. Und wenn es an das Pubertätsalter geht, haben Oma und Opa auch einen ganz anderen Stellenwert: Wo die Eltern ihre Kids oftmals nicht mehr motivieren können, draußen was zu machen, sind dann oftmals die Großeltern diejenigen, die cooler sind, es gibt auch nicht so viele Regeln, es ist alles „chilliger“ und lässiger. Dadurch, dass die Großeltern eine größere Rolle spielen, bleiben sie automatisch dem Wintersport treu. Und was man an der Stelle auch sagen muss, ist, dass die Materialentwicklungen das auch fördern. Mittlerweile ist es kein Problem mehr, bis ins hohe Alter Sport zu treiben. Das E-Bike beispielsweise trägt einen wichtigen Baustein dazu bei, dass ältere Menschen länger am Skisport teilhaben können. Weil sie sich länger bewegen, wo unter Umständen das normale Radfahren schon zu anstrengend geworden ist, ist das E-Bike ideal, sich ausdauernd zu bewegen und damit auf den Winter- sport vorzubereiten. Das ganze Thema Langlauf, die Renaissance der Klassik-Technik, ist ja genau diese „Skandinavische Art“, sich langlaufend fortzubewegen, das kann man bis ins hohe Alter betreiben. Und das stellt auch einen Wert für das eigene Erleben dar. Es ist gut für die Seele, lässt einen vom Alltag abschalten und Energie tanken. Und es ist IN, sich so zu bewegen. Deswegen glaube ich, dass man es geschafft hat, den Trend deutlich zu verstärken oder deutlich herauszuarbeiten, dass der Skisport Lifetime-Sport ist: von den Kindesbeinen bis ins hohe Alter und in den verschiedensten Spielformen.

Welche Angebote bietet der Deutsche Skiverband hier an, um beide Zielgruppen für den Ski- und Wintersport zu begeistern?

Schlickenrieder: Fangen wir im Kindergarten an. Hier wird die Initialzündung gelegt, dort sind die Eltern auch oft bemüht. Hier haben wir im Rahmen des DSV-Schulsportkonzepts Konzepte entwickelt, wie man Kindergärtnerinnen und Übungsleiter ausbilden muss, um die Kinder spielerisch an den Sport generell heranzuführen. Wir bieten diese Konzepte ganzjährig an, nicht nur im Winter.? Die Kindergartenkonzepte werden in den Schulen weitergeführt, weil es uns ein Anliegen ist, dass zur jeweiligen Altersgruppe passende Trainingsanreize gesetzt werden. Hier gelingt uns das schon recht gut, aber man muss auch immer dazu sagen, dass es stets mit sehr viel ehrenamtlichem Engagement verbunden ist, d. h., man braucht die Eltern und die Übungsleiter in den Vereinen. Aber auch da haben wir schon sehr schöne Konzepte, die ebenfalls bereits sehr erfolgreich umgesetzt werden. Bei „Jugend trainiert für Olympia“ konnten wir anregen, dass der Technik-/Skitty-Parcours aufgenommen wird, um damit bewusst den Schwerpunkt nicht auf das Laufen gegen die Zeit, sondern eher auf das Koordinative und Spielerische zu setzen. Der Erfolg zeigt sich in extrem steigenden Teilnehmerzahlen. Insgesamt haben wir eine sehr breite Angebotspalette erarbeitet, die fließend übergeht entweder in die Leistungssportschiene oder in den Übungsleiterbereich. Von daher ein lückenlose Kette, die allerdings immer großes Engagement voraussetzt und nur dank der großzügigen Unterstützung seitens der FdS und der SiS in diesem Umfang entwickelt werden konnte. Für die älteren Semester versuchen wir, zum Thema „ganzjährige Vorbereitung“ Konzepte zu entwickeln, damit beispielsweise Übungsleiter und Skischulbetreiber der Zielgruppe vermitteln, was sie vorbereitend selbst machen können. Hier gibt es eine Vielzahl von Ausbildungsmaßnahmen damit die Übungsleiter, Trainer und Skischulleiter zielgruppengenaue Programme und Angebote gestalten können.

Wir sind insgesamt betrachtet generationenübergreifend unterwegs. Für viele Winterurlauber sind mittlerweile neben dem Pisten- und Loipenangebot auch Faktoren wie Entschleunigung, Kulinarik und Wellness für die Urlaubsentscheidung von großer Bedeutung. Ist das bei Ihnen und Ihrer sportlich ambitionierten Familie auch ein Thema?

Schlickenrieder: Also der Wellness-Bereich spielt jetzt nicht so die große Rolle. Ich gehe schon gerne in die Sauna, nach einer langen sportlichen Belastung, aber Priorität hat bei uns das Draußensein, in irgendeiner Art von Wintersport. Ich persönlich gehe mittlerweile sehr gerne auf Skitour, meine Kids gehen super gerne in Parks & Pipes. Da wird die Location dann schon so ausgesucht, dass das Park-Angebot passt und weniger ob uns das Wellness-Programm anspricht. Ich glaube, dass Schnee als Element Zufriedenheit ausstrahlt. Winterurlaub per se ist ruhig – man ist draußen unterwegs, geht zum Langlaufen, Skifahren, Winter- wandern – kein Stress, keine Hektik. Die Kälte und der Wechsel zu behaglicher Wärme dann im Hotel, das macht so ein wohliges Gefühl und das macht meiner Meinung nach den hohen Erholungseffekt eines Winterurlaubs aus.

Welches Sind Ihre Projekte für den Winter – und wohin geht der nächste Winterurlaub?

Schlickenrieder: Mein Winterurlaub – wenn man überhaupt von Winterurlaub sprechen kann, weil ich zu dieser Zeit meist unterwegs bin – wird mich die nächsten Jahre sicherlich immer wieder ins Trentino führen, weil ich hier die perfekte Kombination habe aus langen Touren, wenigen Menschen und Dolce Vita, was für mich immer dazu gehört. Berge, Schnee und gutes Essen – mehr brauche ich eigentlich nicht für einen gelungenen Winterurlaub, und den bekomme ich in den Alpen.

Das Interview führte Florian Schmidt

05.12.2016
Autor: Florian Schmidt
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