Abenteurerin des Jahres: Jacqueline Fritz

Abenteurerin des Jahres - Jacqueline Fritz
Foto: Laila Tkotz
Wir haben wieder einen "Abenteurer des Jahres" gekürt: In diesem Jahr fiel unsere Wahl auf Jacqueline Fritz, die die Alpen auf einem Bein und zwei Krücken überquerte ...

Für den outdoor »Abenteurer des Jahres« bewerben sich Dutzende Athleten. 2017 ehrt outdoor Jacqueline Fritz. Ihr gelang etwas, was noch niemand vor ihr geschafft hat: Sie überquerte die Alpen auf einem Bein und zwei Krücken. Im Interview erzählt sie uns von ihrem Abenteuer und ihrer Motivation für die Alpenüberquerung:

Ein Alpencross fällt auch Leuten mit zwei Beinen schwer. Warst du schon immer eine ambitionierte Sportlerin?
Ich habe als Kind auf Leistungsniveau Ballett getanzt, dazu kamen Luftgewehrschießen und Reiten. Mit 22 habe ich mein rechtes Bein verloren.

Wie ist das passiert?
Nach einer Operation traten Probleme auf, und nach jahrelangem Kampf musste das Bein amputiert werden.

 

Abenteurerin des Jahres - Jacqueline Fritz
Foto: Laila Tkotz Bachquerung kurz vor der Hochalm in Italien.

Neun Jahre später wanderst du einen Monat lang über die Alpen, 312 Kilometer bis nach Meran, auf einer Route weit härter als der Standardweg. Eine ziemliche Entwicklung, oder?
Ich habe das Wandern erst nach der Amputation entdeckt. Als ich meine erste Prothese habe bauen lassen, war ich ein halbes Jahr in Reha in Füssen. Unter der Woche saß ich ständig im Orthopädiehaus, und am Wochenende hockte ich alleine in der Wohnung. Aber dann habe ich mich mit Einheimischen angefreundet, und die sind am Wochenende in die Berge gegangen. Da hab ich mir gesagt: Ich fang jetzt heimlich an zu trainieren. Mein Ziel war: Am Ende der Reha gehst du mit denen auf einen kleineren Berg. Und das habe ich geschafft.

Ein Alpencross besteht aber aus vielen großen Bergen. Wie ist der Plan dazu entstanden?
Vor zwei Jahren hatte ich eine Rücken-OP, und danach war ich wieder mattgesetzt. Aber ich habe trainiert und konnte am Ende der Reha auf das Neunerköpfl im Tannheimer Tal steigen. Da oben habe ich gemerkt: Dashast du jetzt drauf, du brauchst irgendwie mehr. Ich wollte etwas haben, worauf ich trainieren konnte, etwas, was noch niemand gemacht hat: einen Alpencross auf Krücken, mit meinem Hund Loui, ohne irgendeine Fahrhilfe und auch ohne die Prothese.

 

Abenteurerin des Jahres - Jacqueline Fritz
Foto: Laila Tkotz Loui, Alpencrosser und Hund in Ausbildung.

Ohne Prothese?
Ich fühle mich sicherer ohne. Die Prothese ist elektronisch, und die denkt anders als ich. Aber meinen einen Fuß und die Krücken kann ich genau dahin setzen, wo ich sie haben will. Außerdem kosten Prothesen 50 000 Euro und verschlei­ßen unter Extrembelastung. Das müsste man dann natürlich auch der Krankenkasse erklä­ren, dass man schon wieder eine neue braucht.

Nach welchen Kriterien hast du deine Route festgelegt? Es gibt ja direktere Wege nach Meran als deinen.
Ich wollte alles machen, was man in den Bergen zu Fuß machen kann, inklusive Gletscher und Klettersteig, und das ging auf dem Standardweg E5 nicht. Also habe ich eine eigene Route geplant und einen Bergführer drüberschauen lassen.

Wie hat dein Umfeld auf den Plan reagiert?
Nicht so wirklich gut (lacht). Mit meinen Eltern hatte ich deswegen lange Streit. Die haben ja meine ganze Leidensgeschichte mitbekommen. Ich war vor und nach der Amputation Schmerzpatientin. Ich habe eine Menge Medikamente genommen, auch Morphin, und irgendwann ging bei mir gar nichts mehr.

Und heute hast du überhaupt keine Schmerzen mehr?
Seit ich Extremsport treibe, unter anderem Klettern, kaum noch. Ich habe immer mehr Medikamente weggelassen, auf eigene Faust, weil ich mir nicht jahrelang mein Hirn zuballern wollte. Heute ist mein Kopf frei. Aber in unserer Familie geht sonst niemand auf Tour, die haben sich wer weiß was vorgestellt. Doch ich wusste, das geht, wenn ich mich nicht verletze oder eben ein anderer aus dem Team.

 

Abenteurerin des Jahres - Jacqueline Fritz
Foto: Laila Tkotz In den Stubaier Alpen fordern Bäche mitunter Gleichgewichtsgefühl und fortgeschrittene Technik.

Wer war mit dir unterwegs?
Mein Hund Loui und die Kamerafrau Laila Tkotz waren die ganze Zeit über dabei. Marco Küster stieß mit seiner Kamera einmal die Woche dazu, vor allem für die Kletteraufnahmen. Außerdem hat uns auf dem ganzen Trip Joachim Weiß unterstützt. Er hat den Teil des Gepäcks gefahren, den wir nicht tragen konnten.

Hattest du mal Zweifel an dir?
Ich habe mir mehr Sorgen um Loui und Laila gemacht.

Wo verlief deine Route?
Los ging es in Hammersbach (Landkreis Garmisch-Partenkirchen, Anm. d. Red.) und von dort hinauf zur Höllentalangerhütte. Am nächsten Tag über das Geröll, den Klettersteig und den Gletscher hoch zur Zugspitze. Dann grob gesagt über Leutasch, die Peter­Anich­Hütte und die Dortmunder Hütte ins Stubaital, das wir komplett gegangen sind. In Italien war die erste Station die Schneeberghütte, dann über den Meraner Höhenweg nach Meran, einen Monat hat es gedauert, 35.000 Höhenmeter.

Welche Rolle spielte Loui?
Eine ziemlich große. Es gibt uns nur im Doppelpack, es sei denn, ich gehe einkaufen. Ich bilde Loui gerade als Bergbegleithund aus. Er lernt, gute Wege für mich zu finden und auf Gletscherspalten, Steinschlag und Lawinen zu achten. Und ich könnte das auch gar nicht, vier Wochen auf Tour gehen und mein Hund sitzt bei einer Freundin auf der Couch. Beim Alpencross war er ein Bindeglied fürs ganze Team, er hat immer geschaut: Wem geht es gerade nicht so gut?

Niemand hat vor dir einen Alpencross auf Krücken geschafft, nicht ohne Fahrabschnitte und Prothese. Woher wusstest du, dass du fit genug für das Unternehmen bist?
Im Jahr vor der Überquerung bin ich jedes Wochenende in die Berge gefahren, von Ostern bis Oktober. Ich bin zur Arbeit gelaufen und habe mir den Rucksack mit Sandsteinen gefüllt, ich habe viel Krafttraining gemacht. Irgendwann habe ich einfach gewusst, dass es so weit ist. Was ich nicht trainieren konnte, war, täglich so viele Stunden am Stück zu laufen, vor dem Cross waren das maximal fünf Stunden am Tag.

Und beim Cross selbst?
Kein Tag unter acht Stunden, einmal aber auch sechzehn. Wie hast du dir die Kräfte für den Monat eingeteilt? Ich habe keine Etappe gewählt, die für Zweibeiner mit länger als acht bis maximal zehn Stunden angegeben wird. Meine Vermutung war, dass ich das Doppelte brauchen würde. In der Praxis war ich manchmal schneller, aber als Richtlinie war das in Ordnung.

Lieber bergauf oder bergab?
Bergauf! Bergab ist anstrengender und gefährlicher, weil dann auch noch der Rucksack schiebt. Ganz schlimm sind Sand, Schotter und Asphalt. Am besten ist Blockwerk, das liebe ich, weil es da auf Technik und Konzentration ankommt.

 

Abenteurerin des Jahres - Jacqueline Fritz
Foto: Laila Tkotz Auf dem Weg zur Zugspitze geht es manchmal auch schnell voran.

Wie schwer war dein Rucksack?
Im Schnitt wog er etwa 15 Kilo, aber von denen hatte ich am wenigsten. Ich hatte zwei Paar Schuhe für Loui dabei, zwei Jacken, seine Brille, sein Klettergeschirr, den Futternapf, tausende Spielsachen, eine Decke, dazu die aufblasbare Isomatte und Futter manchmal für fünf bis sechs Tage. Und natürlich eine ganze Menge Wasser.

Sind dir unterwegs mal die Arme eingeschlafen?
Nein. Aber ich habe mir den kleinen Zeh gebrochen, und als ich aus dem Hoch- ins Mittelgebirge abgestiegen bin, haben sich die Hautschichten in meiner rechten Hand gegeneinander verschoben, und es bildete sich eine Blase über die gesamte Fläche. Die hat sich entzündet, und ich bekam Fieber. Keine lustige Phase.

Wie bist du die Klettersteige hochgekommen?
Mit der Karbon-Prothese, die ich sonst auch beim Klettern trage. Auf Leitern hatte ich hinten den Rucksack und vorne den Hund, zusammen 30 Kilo. Es waren fünf Klettersteige auf der Tour, der an der Zugspitze war der schwierigste.

Wie lange habt ihr gebraucht?
Von der Höllentalangerhütte mehr als fünfzehn Stunden. Üblich sind sechs, aber es war sehr viel los an diesem Tag.

Wie viele Krückenpaare hast du für die Tour gebraucht?
Eines hat gereicht, nur die Stöpsel untendran musste ich wechseln. Für die beiden Gletscherabschnitte hatte ich sogar Stöpsel mit Spikes.

Warum hast du ein Filmteam mitgenommen?
Darüber habe ich im Vorfeld viel nachgedacht – will ich das privat machen oder öffentlich? Für öffentlich sprach die Idee: Wenn ich einen Film habe, kann ich da vielleicht auch mal Vorträge in Kliniken halten.

Und hältst du jetzt welche?
Ja, ich gehe in Reha- und Krebskliniken. Gerade bei Menschen, die frisch amputiert sind, fällt erst einmal alles zusammen, das war bei mir auch so. Ich konnte mit der Situation nicht umgehen, und als ich im Bett lag, kamen viele Leute zu mir und haben mir irgendetwas erzählt, vom dem ich gemerkt habe, dass es nicht stimmt. Und da dachte ich, mit einem Film kann ich etwas Wahres zeigen, und dazu gehört auch, dass auf meiner Tour nicht alles toll war.

Die Sache mit der Hand?
Ja, zum Beispiel. Als das war, habe ich fünf Tage lang beim Laufen geweint, aber ich habe den Fokus auf etwas anderes als den Schmerz gelegt und mir gesagt: Da musst du durch.

Aufgeben wolltest du nicht?
Ich habe mir das beim Laufen zwar öfter überlegt, doch letztlich: nein. Das ging so weit, dass ich beim Pinkeln nicht die Krücke aus der Hand legen wollte, weil ich genau wusste, wenn du die loslässt, dann fasst du sie nicht mehr an. Dann kamen wir an eine Hütte, und der Wirt sagte, er müsse seiner Frau von mir erzählen, die sei krebskrank. Morgens habe ich sie kennengelernt, und sie war sehr gerührt von meiner Tour. Sie sagte, ich mache ihr Mut, woraus ich den Mut geschöpft habe, weiterzulaufen.

War der Film die richtige Entscheidung für dich?
Ja. Ich wollte zeigen: Wenn man für etwas brennt, dann soll man es in Angriff nehmen. Und wenn ich mit dem Film jemandem helfen kann, dann will ich es tun, so wie mir nach meiner Amputation ein anderer Patient geholfen hat.

Wie hat er das gemacht?
Er hat mich bei meinem Ehrgeiz gepackt und ist mit mir losgezogen. Und wir haben die blödesten Amputiertenwitze gemacht. Es war genau das, was ich gebraucht habe.

Was sagt er zu deinem Alpencross?
Er fand ihn klasse. Nur machen will er keinen (lacht).

Mit Deinem Abenteuer andere inspirieren!

Abenteuer heißt, die gewohnten Bahnen zu verlassen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und etwas Besonderes zu unternehmen. Diese Abenteuer inspirieren aber auch andere dazu, selbst Ideen und Pläne in der Natur zu verwirklichen.

Mit dem Abenteurer des Jahres möchten wir den vielen tollen Projekten, die Menschen, die gerne in der Natur sind, aus dem deutschsprachigen Raum realisieren, eine große Plattform geben. In Schweden, dem Ursprungsland dieser Idee, füllen die Treffen der "arets Äventyrare" mittlerweile ganze Hallen.

Sie müssen kein Profi sein!

Es zählen die Ideen, Fair Play und ganz besonders die Inspiration. Das kann ein Abenteuer am anderen Ende der Welt sein, wie auch etwas Spannendes in der Heimat. Ob zu Fuß, mit dem Rad, auf dem Pferd, mit dem Kanu oder kletternd durch die Berge - hier sind dem Einfallsreichtum keine Grenzen gesetzt. Machen Sie selbst mit - oder nominieren Sie einen befreundeten Abenteurer! - Teilnahme hier:




Eine internationale Jury aus renommierten Outdoor-Experten sichtet alle Bewerbungen und kürt dann den "Abenteurer des Jahres". Dieser wird dann im Heft und all unseren Online- und Social-Media-Kanälen veröffentlicht.

Video-Interview mit Harald Fichtinger - Abenteurer des Jahres 2015

18.06.2017
Autor: Redaktion outdoor
© outdoor